Während ich diesen Satz tippe, schaue ich mich ungläubig um. Ja, ich bin endlich in New York angekommen, sitze auf der Dachterrasse meines Wohnheims mitten in Manhattan und kann nicht aufhören zu denken: „Das ist alles völlig surreal“. Das Adjektiv „surreal“ beschreibt mein Gefühl, das mich in den ersten beiden Tages in New York begleitet, wohl am passendsten. Um mich herum zeigt sich eine gigantische Kulisse, wie man sie schon in hunderten Filmen und Serien gesehen hat. Irgendwie vertraut sind sie, die berühmten Wolkenkratzer, die kreischenden Sirenen der Feuerwehrautos, das ungeduldige Hupen der gelben Taxis, die leuchtende Reklame, die geschäftigen Menschen, von hier oben so klein wie Ameisen, die die Straßen entlang hetzen, unter dem Arm ein gekauftes Essen, das nach einem anstrengenden Arbeitstag in einem der winzig kleinen Apartments verschlungen werden wird, der Geruch nach einer Mischung aus Schmutz, Essen aus allen Ländern der Welt und Großstadt. Gleichzeitig keimt in mir ein Gefühl der Entfremdung auf und ich komme mir verloren und unbedeutend vor in der dieser Mega-Metropole, die vor Energie vibriert und sich fast überschlägt, die – so heterogen sie auch ist, auch wieder so unglaublich rund ist, die sich für mich – vom Jetlag erschöpft – einen Ticken zu schnell und wild bewegt. Kurz vor einem Gewitter steht die Luft zwischen den Wolkenkratzern, einzelne Tropfen beginnen schon zu fallen, was die Szenerie noch unwirklicher erscheinen lässt. Ich kämpfe mit einer Mischung zwischen unbändiger Freude, endlich hier zu sein und mir einen langjährigen Traum zu erfüllen und gleichzeitiger Ratlosigkeit darüber, wie ich jemals einen Platz in dieser Stadt finden soll. Wie soll sich hier ein Lebensalltag gestalten- ein richtiges Leben anstelle eines andauernden Staunens und Überwältigtseins?

Ich möchte versuchen, euch Teil an meinen drei Monaten in meiner Lieblingsstadt werden zu lassen, auch wenn ich immer wieder nur bruchstückhaft und mosaikartig Eindrücke und Erlebnisse beschreiben und reflektieren kann. Alle, die mich gut kennen, wissen, wie sehr ich mir gewünscht habe, einmal für längere Zeit in NYC zu leben – nicht wenig ausschlaggebend dafür waren die Teenie- Serien „Glee“ und „Gossip Girl“, die hier spielen und entgegen der Meinung vieler meiner Freund*innen einfach fantastisch sind!:)

Zwar nicht an der gediegenen Upper East Side, aber in Midtown Manhattan, direkt neben dem nagelneu errichteten Wohngebiet „Hudson Yards“, dessen Wolkenkratzer meinem Zimmer jegliches Tageslicht nehmen, stehen die „Webster Apartments“. Sie sind eine echt traditionsreiche non-profit Institution, 1916 errichtet, um „safe, affordable, temporary residences for unmarried working women“ zu ermöglichen. Ja, unverheiratet bin ich und gegen bezahlbare Preise habe ich nichts einzuwenden, vor allem nicht bei den horrenden Mieten in Manhattan (ca. 2000 Dollar monatlich für ein WG-Zimmer). Die Infrastruktur, die hier zur Verfügung gestellt wird, ist sehr komfortabel, es gibt zwei Mahlzeiten am Tag, Community Events, Sportkurse, einen süßen Garten und ein wahnsinnig tolles Rooftop… Im Speisesaal läuft echt amerikanisches Frühstücksfernsehen und man kann schon frühmorgens Trumps freundliches Gesicht bewundern, während man eine Waffel mit viel Ahornsirup verspeist und die zahlreichen Ventilatoren eine ungewöhnliche Kälte erzeugen. Die anderen Frauen sind etwa in meinem Alter, aus aller Welt und alle berufstätig, sei es als Praktikantin wie ich, oder im „ersten richtigen Job“. Ich freue mich darauf, sie kennen zu lernen, ich habe selten so unterschiedliche Frauen an einem Platz gesehen. Nun der Fun Fact: Männer sind hier nicht erlaubt, aus „Sicherheitsgründen“, sie dürfen nur in den Eingangsbereich, aber nicht nach oben in die 13 Stockwerke. Daran werde ich mich erst einmal gewöhnen müssen, ich habe schließlich mein gesamtes Studium über in gemischten WGs/ Wohnheimen gewohnt und männliche Mitbewohner bisher nicht als Gefährdung meiner Sicherheit wahrgenommen. Falls man einen Mann mit aufs Zimmer nehmen möchte, um zB das Zimmer anzuschauen, muss man dies der Rezeption melden und dann kommt ein Securitybeauftragter mit nach oben, quasi als Anstandsdame und danach geht man wieder zu dritt nach unten. Ich muss schon wieder lachen, das ist so absurd. Grundsätzlich ist diese strenge Geschlechtertrennung aber nicht ungewöhnlich in den USA, in meinem Auslandssemester in Ann Arbor waren die meisten Dorms ebenfalls geschlechtergetrennt und auch in der Freizeit Männer und Frauen oft separat unterwegs. Trotz dieser strengen Regeln fühle ich mich bisher sehr sehr wohl in den Webster Apartments, deren Lage unglaublich zentral ist und die eine so ruhige, angenehme Atmosphäre inmitten des bunten Treibens von Manhattan verströmen. Dass das hier ein Zufluchtsort sein wird, davon bin ich überzeugt. Ein Ort, in dessen Eingangshalle immer Brownies, Cookies und Eistee für die „Webster Girls“ bereit stehen, ist ein guter Ort:)

Dinner in den Webster Apartments 
Meine New Yorker Schuhschachtel
So schön es in meinem Wohnheim auch ist, so kämpft man hier andauernd mit dem Gefühl, dass man auf keinen Fall einfach im Haus bleiben sollte – weil immerhin ist man in NYC, der Stadt, die so viel zu bieten hat und man möchte sich mitten ins Getümmel werfen und am liebsten alles auf einmal erkunden. Ich versuche mich dennoch zu zügeln und erstmal langsam anzufangen, mich vorzutasten. Mit Melissa, die ebenfalls für das Goethe Institut arbeitet und in den Webster Apartments wohnt, ist dann noch eine geplant „kleine Runde um den Block“ eine fast dreistündige Wanderung auf der High Line geworden. Auf der einen Seite den Blick auf den Hudson River, in dem die Sonne nach einem heißen Tag versinkt, auf der anderen Seite die Skyline von Manhattan, kann man auf der ehemaligen Hochbahntrasse, die nun begehbar und begrünt wurde, stundenlang entlangwandern. Und staunen über das Privileg, an solch einem Ort für längere Zeit wohnen und arbeiten zu dürfen.

Abendspaziergang 
On the High Line
Morgen beginnt mein Praktikum am Goethe Institut in der Abteilung „German American Partnership Program“, das Outfit und die Tasche für den morgigen Tag liegen schon bereit und ich freue mich schon – wie im Film- durch das morgendliche Treiben New Yorks zum Institut zu laufen.
Ich sende euch liebe Grüße und freue mich, dass ihr meinen Blog lest!