Woche 2

Hallo ihr Lieben,

was man in New York in einer Woche erlebt, fühlt sich an, als würde es zuhause in Deutschland vier Wochen füllen – oder mehr. Meine große Erschöpfung nach der ersten Arbeitswoche am Goethe Institut hat sich gestern mit einem Schlag breit gemacht und ich war so erledigt, dass ich den ganzen Tag mit runtergezogenen Jalousien, geschlossenen Fenstern (um Geräusche und Licht fern zu halten), in Schlafanzug in meinem Boxspringbett lag und „Gilmore Girls“ geguckt, Hörbuch gehört oder geschlafen habe. Die Webster Apartments habe ich nur verlassen, um mir von der gegenüberliegenden Fastfood Kette „Five Guys“ ein Milchshake zu holen. Ich habe es so dringend gebraucht, dass ich mich nicht mal von den unglaublichen 800 Kalorien, das diese Mischung aus Eis, Peanut Butter, Oreo Keksen und Karamell, beinhaltet, abschrecken lassen habe.

Alle von euch, die im Ausland gelebt haben, wissen, wie kräftezehrend die ersten Wochen sind. Man muss sich in einer fremden Umgebung orientieren und herausfinden, wo Supermärkte, Apotheken, Handyläden, U-Bahn-Haltestellen etc. sind. Man muss in einer anderen Sprache sprechen. Man spürt die Restfolgen des Jetlag. Das Klima ist anders. Man lernt unglaublich viele neue Leute kennen und muss andauernd interessiert, offen und freundlich sein. Dann kommt nun bei mir dazu, dass ich einen neuen Job angefangen habe, das heißt, ich muss mich in ein völlig neues Themengebiet einarbeiten, jeden Tag ordentlich aussehen, motiviert sein und noch mehr Leute kennen lernen.

Schon allein der Weg von den Webster Apartments zum Goethe Institut ist ein echtes Erlebnis. Zwar befinden sich beide in Midtown Manhattan, aber es trennt sie ein Fußweg von 45 Minuten, vorbei am größten Kaufhaus der Welt (Macy’s), kurz vor dem berühmten Empire State Building biegt man rechts ab, läuft durch das hippe Chelsea , dann kreuzt man das viel fotografierte Flatiron Building und läuft auf der berühmten Shoppingstraße 5th Avenue auf den quirrligen Union Square zu. Hier dahinter befindet sich das Goethe Institut – wir sitzen alle zusammen in einem Großraumbüro im 4. Stock eines typischen New Yorker Hauses. Es strömen hunderte Menschen in Businessoutfits die Straßen entlang, manche geben ihren Assistenten schon hysterische Anweisungen beim Telefonieren, andere sind genau diese Assistenten, die gekonnt mehrere Kaffeebecher auf einmal tragen, um sie vermutlich in das nächste Businessmeeting mitzubringen. Neben einem hupen genervt die Taxis, der Verkehr stoppt, die Stadt ist wie immer völlig verstopft. Es riecht nach Bagels und an den Straßenrändern stehen die unverkennbaren, für New York so typischen kleinen Essensstände, wo die gestressten New Yorker sich ein Frühstück kaufen, das im Gehen gegessen werden kann. Niemand hat Zeit, alle hasten. Aber es liegt eine unglaubliche Energie in der Luft, das Gefühl, dass heute etwas bewegt werden wird. Und auch wenn ich diesen filmreifen Weg quer durch Manhattan nun schon mehrmals gegangen bin, ist er eines meiner Hightlights des Tages. Jeden Tag werde ich mehr Teil dieser vibrierenden Masse.

Auf dem Weg zur Arbeit…

Mein erster Eindruck von der Arbeit am Goethe Institut ist sehr gut, alle sind sehr freundlich und haben mich gut eingearbeitet. In einem anderen Blogbeitrag möchte ich ausführlich berichten, was genau unsere Aufgaben und Projekte sind, aber heute möchte ich auf zwei besonders eindrückliche Erlebnisse dieser Woche eingehen. Gleich in meiner ersten Woche durfte ich unser Team sowohl nach Brooklyn, als auch in die Bronx, an zwei Brennpunktschulen begleiten. Das Goethe-Institut bietet nicht nur ein vielfältiges Kulturprogramm und Deutsch-Kurse für vor allem Berufstätige oder ambitionierte Schüler an, sondern geht auch direkt an Schulen in ärmeren Vierteln, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, die Sprache so (kostenlos) kennen zu lernen, einen ersten Eindruck zu erhalten und sie somit zu motivieren, die Sprache zu lernen, was ihnen in der Zukunft bessere Berufschancen eröffnen könnte.

Sobald man das schicke Manhattan und die hippen Viertel Brooklyns wie Williamsburg und Bushwick hinter sich lässt, da macht sich ernsthaftes Entsetzen breit, wenn man aus der U-Bahn steigt. Die Gegend ist so verfallen, so arm, dass einem der Atem stockt. Man kann kaum glauben, in den USA zu sein, vor 30 Minuten noch in Manhattan gewesen zu sein, so gegensätzlich ist dieser Teil New Yorks. Die Menschen sind vorwiegend African Americans und leben weit unter der Armutsgrenze. Viele sind obdachlos, liegen krank und kraftlos am Straßenrand, manche bringen gerade noch die Energie auf, zu betteln. Es gibt keine schönen Cafés und Läden mehr, sondern nur noch heruntergekommene Wohnhäuser. Inmitten diesen Teil Brooklyn ist die Public School, an der Stephi und ich den Sprachkurs geben. Die Schule ist so trostlos, dass mir richtig schlecht wird, sie erinnert mich eher an ein Gefängnis mit den grauen Wänden, dem Zaun, der Polizei, die die Eingänge bewacht. So trostlos die Umgebung, so schlecht die Schule ausgestattet ist, so herzerwärmend sind die Grundschüler*innen, die so begeistert bei unseren Aktivitäten mitmachen, fleißig Wörter wie „Hose“, „Jacke “ und „Apfel“ lernen. Sie sind so enthusiastisch bei der Sache, vor allem bei den Liedern mit Bewegung (auch ich bin hier total in meinem Element) und am Ende umarmen sie ihre „Miss Katie“, was mich fast zu Tränen rührt. Die Kinder sehen sich so offensichtlich nach Anerkennung und auch nach einer Umarmung, nach Beschäftigung und Bildung. Viele sind so wissbegierig und fit und es tut mir weh zu wissen, dass sie in einem nicht vorhandenen Sozialstaat wie den USA wenig Chancen haben werden, diese Bildung zu erlangen. Dafür gibt es hier viel zu viele (finanzielle) Hürden. Es ist so ungerecht! Besonders schockiert hat mich die Tatsache, dass viele der Kinder obdachlos sind, wie uns eine Lehrerin erzählt. In Deutschland würde es das nicht geben, dass Kinder, die zur Schule gehen, obdachlos sind, das Jugendamt würde sich um ein Kinderheim oder eine Pflegefamilie kümmern. Hier ist das anders. Hier ist es die Haltung, dass die Kinder zumindest ein warmes Mittagessen an der Schule bekommen und das besser als nichts ist. Während an den privaten Schulen an der Upper East Side in Manhattan die Schülerinnen darüber diskutieren, welche Handtasche aus der neuen Michael Kors Collection sie nachmittags kaufen wollen , gibt es in Brooklyn obdachlose Kinder, die an Schulen gehen, die so schlecht ausgestattet sind, das es schwer ist, hier Unterricht zu halten. Der Staat kümmert sich hier nicht um die Armen, sie fallen einfach aus dem System raus. Das ist der Kapitalismus schlecht hin. Wir haben wütend und traurig die Schule verlassen und ich habe mich geschämt als ich dennoch froh war, wieder in Manhattan zu sein.

Nicht ganz so drastisch, aber ähnlich, erging es uns in der Bronx. Hier waren wir Teil des jährlichen „Impact Days“, welcher von einer großen New Yorker Unternehmensberatung und dem Goethe Institut organisiert wird. Hier können Schüler*innen, die den High School Abschluss nicht geschafft haben und nun noch einmal extra gepusht werden, verschieden Workshops machen, zum Beispiel zu Finanzen (Wie lege ich einen Bank Account an? etc.) oder eine Art Einstiegskurs zur deutschen Sprache. Ein weiteres Ziel neben der bloßen Wissensaneignung ist es, ihnen Mut zu machen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken (Stichwort „Empowerment“), z.B. durch Spiele und Challenges. Die Jugendlichen haben nach anfänglichen Startschwierigkeiten super mitgearbeitet und konnten sich unglaublich schnell merken, wie man sich auf Deutsch vorstellt und seine Hobbies nennt, besonders ehrgeizig waren sie bei den Spielen. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie sie den High School Abschluss nicht geschafft haben, vermutlich wurden sie überhaupt nicht gefördert, dafür bin ich mir aber sicher, dass es viele im zweiten Anlauf schaffen werden. Die Lehrer*innen, die hier an der Schule arbeiten, holen nämlich alles aus ihnen heraus, was nur geht. Davon war ich schwer beeindruckt, selten habe ich so charismatische Lehrerpersönlichkeiten gesehen. So schwierig manche der Kinder auch waren, so viel Gutes haben die Lehrer*innen in ihnen gesehen, so viele positive Worte an sie gerichtet, mit ihnen gelacht, sich an ihnen gefreut. Als eine der Schülerinnen drei Fragen hintereinander in einem Quiz beantworten konnte und selbstbewusst in nahezu perfekten Deutsch gerufen hat: „Mein Hobby ist Schlafen“ (das Hobby aller Schüler*innen :D), kam eine Lehrerin her, gab ihr High Five, umarmte sie fest und brüllte in die Masse: „Ashley is killing the show tonight – she is not only beautiful, warm-hearted, but also smart! She is one of a kind!“ So undenkbar solch ein Verhalten einer Lehrperson in Deutschland auch ist, hier ist es einfach nur perfekt, weil die Jugendlichen so motiviert bleiben. Ich werde diese Lehrer*innen nie vergessen, ich habe das Gefühl, in wenigen Stunden an ihrer Seite mehr gelernt zu haben, als in meinem gesamten pädagogischen Beistudium (das ich übrigens hasse). Als Lehrerin immer an die positiven Anteile der Schüler*innen zu appellieren, das werde ich mir für die Zukunft weiterhin vornehmen.

Ihr seht, diese Woche ist einiges passiert, Gutes und weniger Gutes. Gelernt habe ich auf jeden Fall viel und die Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden. Die Kontraste in New York machen mir zu schaffen und ich bin unsicher, wie ich damit umgehen soll.

Den heutigen Tag habe ich jedoch bei bestem Wetter in der Stadt verbracht und die direkte Umgebung meines Wohnheims – ganz touristisch- mit einer Freundin aus den Webster Apartments, die für die UNO arbeitet, erkundet. Von der Erkundungstour habe ich ein paar Fotos angehängt.

Ich wünsche euch eine gute Woche, passt auf euch auf!

Hinterlasse einen Kommentar