Zuhause

Ihr Lieben,

der letzte Monat in New York ist so schnell vorbei gerauscht, dass ich zwischen Besuch aus Deutschland, wichtigen finalen Projekten am Goethe-Institut und dem bunt gefüllten Alltag in der Stadt kaum noch Zeit zum Schreiben gefunden habe. Und jetzt bin ich tatsächlich zurück in Deutschland, sitze am Küchentisch, genieße den fantastischen Kaffee meiner Mutter – und es kehrt zum ersten Mal seit Monaten Ruhe in mir ein. Alles ist so unfassbar ruhig, schon fast zu ruhig, nach all dem Hupen und den Sirenen New Yorks, nachts ist es richtig dunkel, kein hell beleuchteter benachbarter Wolkenkratzer leuchtet nachts in mein Zimmer, man kann zahlreiche Sterne am Himmel sehen. Die Luft ist so frisch und herbstlich und alles ist so schön sauber und ordentlich. All diese Faktoren bewirken, dass ich nachts bis zu 12 Stunden schlafe. Und ein Mittagsschlaf darf auch nicht fehlen. Ich bin anscheinend ganz schön erschöpft. Im Garten kann ich Tomaten direkt vom Strauch essen, mir einen frischen Pfefferminztee mit eigener Minze zubereiten (dafür hätte ich in Manhattan vermutlich 7 Dollar bezahlt), grundsätzlich kann ich wieder kochen, was ja in meinem Wohnheim in NYC nicht möglich war. Jede*r kennt mich, alle Nachbar*innen kommen, um mich zu begrüßen, die ganze Familie empfängt mich mit ihrer nie enden vollenden Herzlichkeit, mit schwäbischem Essen und Dialekt. Beim Spazierengehen vergesse ich fast, allen Menschen -egal ob bekannt oder unbekannt- Hallo zu sagen – stimmt, das macht man ja so.

Zurück in der Idylle, „Organic Garden“ inklusive.

In meinem Kopf sind sehr viele Gedanken, Gefühle und Überlegungen zu meiner Zeit in New York, die sich nur sehr langsam ordnen lassen, mir selbst erscheint Vieles surreal, wenn ich die Fotos nun bestaune. Es wird Wochen oder vielleicht Monate dauern, bis ich realisiert habe, dass ich 14 Wochen im Herzen Manhattan gelebt und gearbeitet habe. Und es ist bisher schwer, ein Fazit zu ziehen, aber ich möchte es dennoch einen Versuch starten. Schon als Teenager hatte ich eine ganz spezielle Vorstellung von NYC, sicherlich geprägt durch Filme und Serien und es war mein großer Traum, in dieser Stadt – zumindest für eine begrenzte Zeit – leben zu können. Der tatsächliche Aufenthalt hat mir gezeigt, dass die Stadt alle Vorstellungen sogar noch überstiegen hat. NYC ist für mich die fantastischste Stadt der Welt, jede*r, der/die zum ersten Mal aus dem Bahnhof in die Straßen der Stadt gespült wird, kennt dieses Gefühl, dass man den Eindruck hat, alle Energie der Welt zu besitzen, egal wie müde man ist, man möchte sich in die Straßen stürzen, alles erkunden, oder auf einer Bank sitzen und mit offenem Mund beobachten, was auf den Straßen passiert. Die unterschiedlichen Menschen, die hier auf einander treffen, die Architektur, die Lautstärke und das Licht, die rasante Geschwindigkeit, die Extreme – all das macht New York so besonders. Oft saß ich in einem einfachen Deli an der Straßenecke und habe einen schlechten Kaffee getrunken und einen leckeren Bagel mit Cream Cheese verspeist und das Treiben um mich herum aufgesogen. Die unterschiedlichsten Menschen sitzen in diesem Deli und essen Bagels, sei es ein ärmlich gekleideter Straßenarbeiter oder eine im schicken Kostüm gekleidete Chefin eines großen Unternehmens. Alle gehören dazu, jede*r identifiziert sich mit der Stadt, die schon vor langer Zeit als „Melting Pot“ bezeichnet wurde.

In den Straßen New Yorks

An meinem ersten Abend hatte ich Beklemmungen und ein starkes Entfremdungsgefühl verspürt, als ich auf der imposanten Dachterrasse meines Wohnheims in das nächtliche New York gestarrt hatte. Um mich herum zehntausende, mir völlig unbekannte Menschen, die hinter zehntausenden hell beleuchteten Fenstern wohnen, jeder lebt sein Leben, aber ich kenne niemanden und gehöre nicht dazu. In anderen Blogs habe ich gelesen, wie schnell man in NYC vereinsamen kann, so paradox das doch ist, bei so vielen Menschen auf kleinstem Raum. Ich selbst bin ein Mensch, der es sehr schätzt, in viele Systeme gut eingebunden zu sein und ich bin ungerne allein. Aber ich wusste, dass ich meine Komfortzone verlassen muss, um mich weiter zu entwickeln, dass ich auch mal (wieder) allein eine Sache bewältigen muss, ohne die Hilfe meines gewohnten sozialen Umfelds. Wenn ich diese anfänglichen ängstlichen Gedanken mit dem schmerzvollen Abschied von all den lieben Menschen vergleiche, die ich in NYC kennengelernt habe, muss ich im Nachhinein lächeln. Hier beziehe ich mich vor allem auf meine wundervollen Mitbewohnerinnen in den Webster Apartments. Nie hätte ich erwartet, in diesem aus der Zeit gefallenen Frauenwohnheim so gute Freundschaften zu schließen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass die männlichen Mitarbeiter im Haus einen Vertrag unterschrieben haben, dass sie nicht mit uns sprechen dürfen (!!!) und alle Flure mit genderbestärkenden Sprüchen beklebt sind („Don’t Forget to smile“ / „If I ever let my head down, it will be just to admire my Shoes“ / „Choose someone who Ruins your lipstick, not your Mascara“ – nur um eine kleine Kostprobe zu geben), habe ich mich hier wohlgefühlt.

Besonders das abendliche Zusammensitzen beim Essen, wo alle Freundinnen lebhaft von ihrem Arbeitstag berichtet haben, von all den Erfolgen und Misserfolgen, von den Ärgernissen und Ängsten, dem Leistungsdruck, den lustigen Geschichten, den misslungenen Online-Dating-Versuchen, wo wir unsere Wochenenden geplant haben (das Recherchieren von guten Restaurants hatte immer einen hohen Stellenwert), uns über die (Bahnhofs-)Straße, in der wir gewohnt haben (34th street) beschwert haben (dreckig, verrückte Menschen…), die männlichen Mitarbeiter unter Beobachtung genommen haben (insbesondere „Daddy“ und „Eyebrow“) – ich musste so oft Tränen lachen und bin trotz aller Erschöpfung glücklich in mein kleines Zimmer gegangen, so dankbar für diese Menschen, die mir das Gefühl gegeben haben, abends in ein Zuhause – innerhalb dieser großen, fremdem Stadt – zurückzukehren. Eine amerikanische Freundin schrieb mir am Ende, dass sie das Gefühl habe, dass ich ihre Schwester von einem anderen Kontinent sei, so verbunden fühle sie sich mit mir und so viele Ähnlichkeiten haben wir. Das ist vermutlich das Fazit – wir alle leben in einer ähnlichen Lebenswirklichkeit und sind konfrontiert mit ähnlichen Herausforderungen, wir lachen über die selben Dinge und teilen viele Sorgen. Genau das erkennen auch viele der Austauschschüler*innen von GAPP, deren Evaluationen ich betreut habe. Und das ist vermutlich auch der größte Gewinn eines Auslandsaufenthalts – die Erkenntnis, dass alle Menschen vielmehr verbindet, als dass sie trennt.

Letzter Abend in NYC.
Schwerer Abschied von meinen Webster Girls, aber zumindest mit leckerer Pizza…

Trotzdem möchte ich auch nichts romantisieren. Ich habe Dinge in NY erlebt, die mich schockiert haben und noch lange in meinem Gedächtnis bleiben werden. Wie ich in meinem letzten Blogbeitrag beschrieben habe, widert mich das allein auf Leistung fokussierte System, das Menschen ständig an ihre Grenzen gehen lässt, an. Friss oder stirb. Zeig Leistung oder du bist am nächsten Tag auf der Straße. Passe dich an, kritisier nicht zu viel. Ellenbogen. Geld, Macht, Konsum, Aussehen. Das ist hier sehr wichtig, auf dieser Insel, auf der fast ausschließlich 20-40-Jährige leben. Auch die politische Spaltung ist (selbst in dieser liberalen Stadt) deutlich spürbar, wie schlimm muss es wohl in anderen Teilen der USA sein? Zwei Gruppen stehen sich unversöhnt gegenüber, entweder du bist konservativ oder du bist liberal. Viele Menschen in den USA erleben diese Zeit als die spannungsreichste, die sie je erlebt haben. Um konkrete Inhalte geht es hier schon lange nicht mehr, es ist eher eine Lebenshaltung, die oft weitervererbt wird, die starr ist und ein Leben lang nicht geändert wird. Gespräche gibt es nicht zwischen diesen Gruppen und diese Tatsache ist vermutlich das, was mich am meisten gestört hat. Diese Gelähmtheit, die Unfähigkeit, eine Diskussion über einen konkreten Sachverhalt zu führen, z.B. über Immigration. Das Gespräch wird im Keim erstickt, niemand möchte sich darauf einlassen, stattdessen wird lieber kurz ein unverfängliches Smalltalk-Gespräch vorgeschoben, dessen Floskeln so vorformuliert sind, dass man damit nicht anecken kann. „Provozierende politische Äußerungen“, das sei etwas „europäisches“, was allerdings oft als unhöflich wahrgenommen wird.

Ich bin froh, dass es z.B. das Goethe-Institut gibt, das es versteht, eine vermittelnde und dennoch klar Profil zeigende Rolle anzunehmen. Ohne zu provozieren, immer im Gespräch mit den unterschiedlichsten Menschen, wird hier Kulturarbeit betrieben. Ich bin dankbar, hier gearbeitet haben. Besonders gut gefallen hat mir, dass das Institut so präsent in der ganzen Stadt, nicht nur in Manhattan, agiert. Währen des Pride Months waren wir in Kontakt mit verschiedensten Künstler*innen und Aktivist*innen, sind beim Queer Liberation March mitgelaufen, während verschiedenster Deutsch- Workshops waren wir an Schulen in Brooklyn und in der Bronx, haben teilhaben dürfen an der Lebenswirklichkeit von stark benachteiligten Schüler*innen, durch GAPP war ich in Kontakt mit zahlreichen amerikanischen Lehrer*innen und weiß, was sie beschäftigt. Beim deutschen Spieleabend des Goethe-Instituts habe ich die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, von ehemaligen Obdachlosen, von Trump-Supportern, Firmenchefs, Menschen mit deutschen Vorfahren und Studierenden, die alle zusammen Deutsch lernen und dabei in einer Form zusammen kommen, wie sie es sonst nicht täten. So banal diese Momente erscheinen, so wichtig sind sie und so bedeutsam finde ich diese Art von Kulturarbeit. Nach diesem Praktikum fühle ich mich in dem, was ich studiere und was mir grundsätzlich wichtig ist, bestärkt.

Ein Freund hat mich letztens gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dauerhaft in NY zu leben. Und die Antwort lautet ganz klar nein. Wie oben beschrieben habe ich alle Eindrücke und Gespräche wie ein Schwamm aufgesogen, ich habe mich mit ganzem Herzen auf das unvergessliche Erlebnis eingelassen. Die Zeit hat mich offener und neugieriger, aktiver und selbstbewusster gemacht, ich weiß, dass ich vermutlich fast überall auf der Welt leben und mich einfinden kann, dass ich auch die Vorzüge einer Großstadt genießen und auskosten, mich dort erfolgreich bewegen kann. Aber ich empfinde die Lebensqualität deutlich höher an einem Ort, der nicht so hektisch, laut, überfüllt und schmutzig ist. Ich möchte abgesichert sein, z.B. im Bezug von Krankheit, Bildung und Politik. Ich möchte offen diskutieren können. Ich möchte näher an der Natur leben, ich kann sonst nicht zur Ruhe kommen. Und ich möchte in der Nähe meiner Familie sein, zumindest längerfristig. Wie wichtig mir all diese Faktoren sind, wusste ich schon davor, und sie sind mir nochmal bewusster geworden. Viele meiner amerikanischen Freundinnen empfinden ähnlich: du gehst in diese wilde, bunte Stadt, wirst Teil davon, entdeckst neue Seiten an dir, lernst so viele neue Lebenskonzepte kennen, die genau so möglich sind wie dein eigenes (wie Büchner es so schön in Worte fasst, die „vielen, gleichwertigen „Möglichkeiten des Daseins“), dann spült dich die Stadt wieder aus, deine Perspektive auf die Welt ist eine völlig neue, aber du bist dir bewusster, wer du selbst bist und wie du dein Leben gestalten möchtest.

Ich bin dankbar, einen solchen Lebensabschnitt erlebt zu haben.

Woche 11

Bagels!!!

Genüsslich beiße ich in einen Sesam-Bagel, der großzügig mit Frischkäse bestrichen und mit Räucherlachs belegt ist, während ich durch die Straßen des Stadtteils Williamsburg schlendere. Bagels haben definitiv das Potential, meine geliebten Brezeln zu übertrumpfen und sie sind das vermutlich bekannteste Gebäck New Yorks. In Williamsburg erhält man sie an jeder Ecke, denn Williamsburg (ein Teil des Stadtteils Brooklyn) ist vor allem jüdisch geprägt. Die ultraorthodoxe chassidische Gemeinde in New York ist die größte weltweit und hat ihren Ursprung in Osteuropa. Unverkennbar sind ihre Mitglieder, die Männer mit langen Gewändern und schwarzen Hüten (bei Regen mit lustigem Regenschutz alias Plastiktüte) und Perücke, die Frauen züchtig und bedeckt. Mitten in New York leben tausende Jüd*innen wie in einer anderen Zeit und verschließen sich vor allen modernen Entwicklungen wie Internet und Massenkonsum. Ehen sind meist arrangiert, oftmals haben Eltern 10 bis 15 Kinder, die Läden haben samstags am Sabbat geschlossen und die Ernährung ist streng koscher. Neben diesen ultraorthodoxen Jüd*innen haben sich im Zuge der Gentrifizierung die Großstadthipster breit gemacht, es reihen sich Vintageläden und Applestores aneinander, zwischendrin lugt wieder eine koschere Bäckerei hervor, jüdische Großfamilien genießen die Sonne und sitzen neben vollbärtigen Jutebeutelträgern in skinny Jeans, die wie wild auf ihr Macbook einhacken und eine Biolimo schlürfen.

Williamsburg ist nur ein Stadtteil von Brooklyn, das einer der fünf Stadtteile New Yorks ist und für sich genommen die viertgrößte Stadt der USA ist. Jede Gegend in New York ist so einzigartig und unterschiedlich, oft geprägt von den Immigrant*innen, die vor langer Zeit hier her kamen und sich hoffnungsvoll ein neues Leben aufgebaut haben. Nach 2,5 Monaten habe ich es kaum geschafft, die einzelnen Teile Manhattans zu erkunden: Die elitären Upper East und West Side Distrikte, mondän am Central Park gelegen, die Museumsmeile inklusive, dann das hektische Midtown, wo vor allem gearbeitet wird (hier wohnen wir), die alternativeren und hippen Stadtteile Chelsea, Greenwich Village und Soho, Chinatown, wo man sich wirklich fühlt, als wäre man nicht mehr in den USA, der stressige Financial District im Süden mit der Wall Street, die ebenfalls jüdisch geprägte Lower East Side, Harlem im Norden, wo vor allem afroamerikanische New Yorker*innen leben. Nur um mal die Stadtteile Manhattans aufzuzählen. Ihr seht, New York vollständig zu erkunden, ist ein Ding der Unmöglichkeit und genau diese Vielfalt macht die Stadt zu besonders. Das friedliche Zusammenleben von 170 verschiedenen Nationalitäten, das Respektieren von anderen Lebensgewohnheiten, das Aufeinander Achten, Grenzen überwinden, Kulturen verschmelzen und gemeinsam Neues wagen, das macht New York aus. Auch ich gehöre irgendwie ganz natürlich dazu, habe mich nie fremd gefühlt, es scheint, als ob jeder einen Platz hier hat.

Blick von Williamsburg auf Manhattan

Leider geht mein Sommer in dieser fantastischen Stadt langsam dem Ende zu. Vom Meer weht ein herbstlicher Wind, die Temperaturen sind bei angenehmen 26 Grad. Es ist Sommersale. Einige meiner Freundinnen reisen ab, ihre Praktika sind vorbei und das neue Semester geht an den amerikanischen Universitäten wieder los. Für unser erstes Abschiedsessen (weitere werden folgen) haben wir eine hippe Foodhall in Brooklyn gewählt, am unteren Ende der Brooklynbridge gelegen. Die spezielle Herausforderung des Abends war es, instagramtaugliche Abschiedsfotos unter der Brooklynbridge bei Sonnenuntergang machen, davor noch einen Tisch zu ergattern, zu essen und die Bedürfnisse 7 unterschiedlicher Mädels nach Eiscreme, Cookies, Lipgloss auftragen und Toilette zu befriedigen. Um die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen sind wir buchstäblich durch Brooklyn gehechtet und wir haben es auf die Minute genau geschafft.

Um ehrlich zu sein, die letzten beiden Wochen waren für viele meiner amerikanischen Freundinnen eine Zerreißprobe. Sie können bei weitem nicht so entspannt an ihre Praktika rangehen wie wir am Goethe-Institut. Auch wir geben natürlich unser Bestes, aber für uns hängt von diesem Praktikum nicht unsere Zukunft ab. Das mag jetzt dramatisch klingen, aber es ist tatsächlich so. Wenn man Studienschulden von einer halben Million Dollar abzuarbeiten hat, dann zählt nicht mehr viel, außer einen sehr gut bezahlten Job zu ergattern. Und dafür muss man sich im Praktikum besonders hervorheben, z.B. durch freiwillig, eigens ausgedacht Projekte und Präsentationen, die am Ende rein zufällig vorgeführt werden. Um in der Hauptstadt des Kapitalismus herauszustechen, bei hunderten von Praktikant*innen, aus denen die großen Firmen auswählen können, da reicht Selbstoptimierung schon seit Langem nicht mehr. Man muss wirklich ein starkes Selbstbild und Selbstbewusstsein entwickeln, das einen nach vorne bringt, Hauen und Stechen inklusive. Hier werden Adjektive wie „kompetitiv“ und „extrem leistungsorientiert“ als etwas Positives gesehen. Eine junge Investment Bankerin, die neben mir beim Abendessen saß, meinte, dass New York eine Stadt für „overly ambitious people“ sei, die „hungry for a career“ seien. Mir wurde hier schon die Frage gestellt, warum ich eigentlich so wenig ambitioniert sei. Da hat es mir ernsthaft die Sprache verschlagen und es hat mich lange beschäftigt. Es ist gewöhnungsbedürftig, dass in den USA die Geisteswissenschaften so überhaupt nicht wertgeschätzt werden, obwohl sie gerade hier, wo so wenig kritisch diskutiert wird, extrem wichtig wären. Hier bist so was, wenn du Hedgefont Manager, nicht wenn du Literaturwissenschaftlerin bist. Auch die Tatsache, dass wir ein unbezahltes Praktikum am Goethe-Institut machen, befördert uns schon in eine Art „Unterklasse“ im Vergleich zu den Praktikantinnen, die in großen Unternehmen bis zu 4000 Dollar monatlich verdienen. Es war sehr befremdlich für mich, dass meine Tätigkeit als so „minderwertig“ eingestuft wurde, weil ich wie schon erwähnt die Arbeit des Goethe-Instituts sehr bedeutungsvoll finde. Und ich würde mich selbst auch als ambitionierte Person einschätzen, die sowohl in der Schulzeit, als auch an der Uni immer 100 % gegeben hat. Aber alles, was kein großes Geld einbringt, was nicht mit Ellenbogen verbunden ist, das ist in den USA – naja, nicht so erstrebenswert. So sehr wie ich immer versuche, mich auf die Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Gesellschaft zu konzentrieren, so fällt mir hier ein riesiger Unterschied auf. Und ich habe mich ziemlich darüber geärgert, auch über dieses ständige andere Übertrumpfen und besser sein, auf Teufel komm raus. Dieses Vor-Sich-Her-Tragen von Wörtern wie „ambitioniert“, „zielgerichtet“ und „auf Karriere bedacht“ – aber was sind denn die Inhalte? Was sind die Visionen und Ziele? Ist es nicht automatisch so, dass wenn man eine große Leidenschaft für die Inhalte seines Berufes / Studienfachs entwickelt, das Beste daraus machen möchte, Ambitionen entwickelt? Dass man ganz natürlich gut darin sein möchte? Hier habe ich manchmal das Gefühl, dass das Konzept „Ambition“ und „Besser als andere“ im Vordergrund steht und erst nachträglich irgendwie, mehr oder minder erfolgreich, versucht wird, diesen Rahmen mit Inhalt zu füllen. Das fühlt sich für mich einfach falsch an.

Andererseits haben wir Deutsche gut reden. Wir haben quasi umsonst studiert und leben in einem Sozialstaat, der uns im Notfall mit Arbeitslosengeld und -wohnungen auffängt. In den USA kann der Weg vom Penthouse auf die Straße von einem Tag auf den anderen passieren und das ist keine leere Floskel. Es gibt tausende solcher tragischer Biografien, insbesondere in NYC. Es ist ein Leben in den Extremen, in einer Unsicherheit, die mir nur vom Zuschauen Angst macht. Als eine meiner engsten Freundinnen von einem Tag auf den anderen, ausgelaugt von der Angst, dass ihr Abschlussprojekt nicht überzeugen wird, an einer Lungenentzündung erkrankt und nicht krankenversichert ist, sind wir alle entsetzt. Alle Bemühungen waren umsonst, es ist nicht mal klar, ob sie überhaupt ein Abschlusszeugnis erhält. Sie möchte mit Lungenentzündung arbeiten gehen, wovon wir sie gerade noch abhalten können. Die Ärzte schicken sie nach der Diagnose wieder zurück in ihr 10 Quadratmeterzimmer in unserem Wohnheim, im Krankenhaus gibt es keinen Platz für Menschen ohne Versicherung, sie könnte es vermutlich nicht bezahlen, daher bekommt sie drei Breitbandantibiotika und Ibuprofen mit nach Hause, sie soll mal ausprobieren, was anschlägt. Ihre bitteren Tränen bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf. Einmal mehr bin ich dankbar für unser Sozial- und Gesundheitssystem in Deutschland, das einem eine so hohe Lebensqualität verschafft, dass man halbwegs sorgenfrei leben kann. Dass man auch mal krank sein darf. Dass man mal im Job fehlen darf. Dass man auch „nur“ 100 % anstelle von 150 % geben darf. Dass man ein Teamplayer sein darf, ohne den Job zu riskieren. Dass wir kritisches Denken wertschätzen. Dass wir rein kapitalistische Systeme eher mit Vorbehalt beobachten. Dass „kompetitiv“ nicht unbedingt das Wort ist, das man stolz vor sich her trägt, sondern sich eher mal überlegt, wie man sich im Rahmen seiner eigenen Persönlichkeit am Besten weiterentwickeln kann.

So aufwühlend wie diese Diskussionen auch sind, so wichtig sind sie für die eigene persönliche Entwicklung. New York fordert mich heraus, lässt mich die eigenen Vorstellungen neu hinterfragen, ermöglicht mir eine völlig andere Sichtweise auf mein eigenes Leben und formt und festigt mich dennoch weiter darin, wie ich leben möchte.

Ich wünsche euch eine gute Woche.

Woche 9

Ihr Lieben,

auch wenn ich es mir in den ersten Tagen in NYC noch nicht verstellen konnte: Es hat sich so etwas wie ein Alltag in dieser wunderbaren, verrückten, sich vor Energie überschlagenden Stadt eingependelt. Mein Puls ist deutlich ruhiger geworden und ich habe nicht den andauernden Drang, Dinge in der Stadt unternehmen zu müssen, aus Angst, etwas zu verpassen. Stattdessen kann ich auch mal einen gemütlichen Sonntag Nachmittag im heimeligen Café „Amy’s Bread“ verbringen, mit meinen Freundinnen Cupcakes essen, Kaffee trinken und Gott und die Welt diskutieren.

Jeder Tag beginnt inzwischen ähnlich: Ich wache auf, skype mit meiner Mutter, dusche, ziehe mich halbwegs schick an (aber in letzter Zeit doch immer öfters mit Birkenstocks, weil die bei der Hitze einfach am bequemsten sind), fahre mit dem Aufzug 13 Stockwerke Richtung Frühstücksraum, hierbei stoppt zu dieser Hauptschlagszeit der Aufzug bei nahezu jedem Stockwerk, unten greife ich mir resigniert, da ungesund, 2 Scheiben Toastbrot, Peanutbutter und Erdbeermarmelade und sogenannten „skinny Yoghurt“, lasse mir noch resignierter eine kaffeeähnliche, ominöse Substanz, die aus einer tetrapackartigen Verpackung tröpfelt, in eine Tasse, setzte mich zu meinen Mädels, im Fernsehen läuft der „kommunistische Sender CNN“ (haha), der einen leider schon frühmorgens mit Trumps Gesicht konfrontiert, die Stimmung ist trotzdem ausgelassen und wie immer springen wir alle viel zu spät auf, um Richtung Arbeit zu eilen, Amelie und ich Richtung Goethe-Institut im Süden, davor noch kurz auf den Farmers Market auf dem Union Square, um ein „richtiges Brot“ ohne Zuckerzusatz für unser Mittagessen zu erstehen, dann eine schnelle Runde zum Supermarkt „Trader Joe’s“, um Käse und Obst und Müsliriegel zu kaufen, und wie immer trotz der Aussage „no bag, please“ gleich zwei Tüten zu bekommen, dann geht’s rüber zum Goethe-Institut, der liebenswürdige Pförtner begrüßt uns mit motivierenden Zurufen (z.B. TGIF! am Freitag), und voller Energie geht der Arbeitsalltag los. Vor allem meine quirrlige Mitarbeiterin Stephanie, die schon seit 30 Jahren für das German-American-Partnership-Program arbeitet und in New York lebt, und die meine direkte Sitznachbarin ist, ist mir ans Herz gewachsen, sie weiß alle Insider-Tipps, vor allem, wo man in NY günstig einkaufen kann (überlebenswichtig bei diesen Preisen), und meldet sich am Telefon des Öfteren mit „the one and only Stephanie“ (in Amerika geht so was).

Nach einem sehr erlebnisreichen und vielseitigen Juni (Pridemonth und Workshops an Schulen in Brooklyn und der Bronx) ist auch im Büro nun eine Art von Alltag eingetreten. Für alle, die es noch nicht wissen: Das German-American-Partnership-Program (GAPP) ist das größte bilaterale Austauschprogramm der USA mit einem anderen Land und wird finanziert vom deutschen Auswärtigen Amt, der Kultusministerkonferenz und dem amerikanischen State Department. Insgesamt 700 deutsch-amerikanische Schulpartnerschaften werden seit 1970 von GAPP betreut und finanziert. Mir macht die Arbeit hierfür nicht nur sehr viel Spaß, sondern ich finde das Programm, vor allem während dieser prekären politischen Zeiten, in welchen weniger global, aber wieder mehr national gedacht wird, sehr wichtig. Ich denke, dass alle, die schon einmal an einem Schüleraustausch teilgenommen haben, wissen, welche „Grenzen“ hier überwunden werden. Ich selbst denke so gerne an meine Zeit in Frankreich und den USA zurück, an Herzlichkeit, das Gefühl, Teil einer anderen Familie geworden zu sein, an Barbecue- und Whirlpoolparties, an SMores-Grillen, an Volleyballspielen – da hat sich bei mir eine Leidenschaft speziell für die USA schon früh entwickeln können, was bis heute anhält. Und auch die Besuche von meinen Austauschschüler*innen, bei uns im Akazienhain sind unvergessen, insbesondere Tracy’s legendäre Fußmassage, schwäbischer Käsekuchen mit Mehuls aus USA angereister Großfamilie bei uns auf der Terrasse, tränenreichen Abschiede und Freundschaften, die bis heute anhalten.

Da gerade viele amerikanische Schulklassen aus Deutschland zurückkehren, ist es meine Aufgabe, die Evaluationen der Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern auszuwerten und zusammenzufassen. Der wohl größte Erfolg ist die Erkenntnis, dass andere Jugendliche, selbst wenn sie von einem anderen Kontinent sind, „gar nicht so anders sind“. Dass man viel mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede erkennen kann. Und man sich vielleicht endlich von unnötigen Kategorien (und diesem ständigen „Kulturbegriff“) verabschieden kann. Besonders positiv empfinden es die Amerikaner*innen, dass in Deutschland so viel Wert auf Klimaschutz gelegt wird, viele sind nun motiviert, dies auch in den USA stärker zu verfolgen. Zudem lieben alle das deutsche Essen, vor allem Brot. Bewundernswert finden viele, wie viel Wert auf Bildung und insbesondere politische Bildung gelegt wird, und auch auf Fremdsprachen. Auch die Unternehmungen, z.B. ins Mercedes-Benz-Museum oder ins Rittersportmuseum, um mal Beispiele aus der Tübinger Gegend zu nennen, kommen gut an (letzteres kann ich auch sehr empfehlen, da kann man Gummibärchenschokolade in der Schokowerkstatt herstellen). Ein Kritikpunkt, der jedoch immer wieder auftaucht, und der mich beschäftigt, ist Folgender: Viele fühlen sich von den Deutschen vor den Kopf gestoßen, insbesondere wenn es um Politik geht. Dass Deutsche oftmals nahezu abfällige Bemerkungen über die USA machen, ohne aber genauere Details zu kennen, sondern dass eine allgemeine abwertende Haltung gegenüber den USA zur Schau gestellt wird. Und immer Europa als das Non-Plus-Ultra, mit seinen sozialen Strukturen, seiner „reichen Kultur“ und seinem „kritischen Denken“ dargestellt wird. Ich habe daraufhin mit meinen amerikanischen Freundinnen darüber diskutiert und auch sie haben diese Verhalten von vielen Europäer*innen bestätigt. Ein Kommentar einer Freundin ist mir in Erinnerung geblieben. Sie meinte: „Wenn ich in einem anderen Land zu Besuch bin, dann sage ich den Menschen, wie sehr ich das Essen und die Landschaft hier liebe, die Menschen, das ganze Land. Wenn andere Menschen in die USA kommen, dann zählen sie erst einmal auf, was sie hier alles schlecht finden (Plastikteller, ungesundes Essen, keine Krankenversicherung für alle, Donald Trump…). Das ist manchmal gar nicht so einfach, dass so viele Menschen von uns denken, dass wir völlig beschränkt sind“.

Ich möchte diese Geschichte einfach für sich stehen lassen, aber es ist eindeutig, dass noch ein weiter Weg gegangen werden muss und dass wir uns immer wieder vor allem selbst hinterfragen müssen, bevor wir andere hinterfragen. In den letzten zwei Wochen habe ich jedenfalls in vollen Zügen alles genossen, was ich in dieser Form nur hier erleben kann- vom Besuch eines Baseballspiels (mit viel Werbung), cremigen Schokocookies, Outletshopping, Besuch der Metropolitan Opera („Magic Flute“), Barbecueparty in unserem Wohnheim und Abende auf unserem Rooftop mit meinen wundervollen Freundinnen.

Ich hänge ein paar Bilder als Impressionen an. Habt eine gute Woche!

American Barbecue im Garten unseres Wohnheims
Bester Cookie meines Lebens!
Glückliche Katharina mit rosa Cupcake

Woche 7

Ihr Lieben,

wenn in New York City, der Stadt, die immer und überall leuchtet, auf einmal das Licht ausgeht, dann ist das etwas sehr Beunruhigendes. Genau das durften wir diesen Samstag Abend erleben, als für ganze 5 Stunden der Strom auf der gesamten Westseite von Manhattan ausgefallen ist. Gegen 19 Uhr, als ich gemütlich auf meinem Bett lag und „Der Bergdoktor“ geschaut habe (was macht NY aus mir?), sind zuerst mit einem Schlag alle Lampen in meinem Zimmer ausgegangen, dann mein Ventilator (Hilfe!) und dann ist meine Serie nicht mehr weitergelaufen, weil das WLAN nicht mehr funktioniert hat. Ein Blick aus dem Fenster hat gezeigt, dass alle umliegenden Häuser ebenfalls keinen Strom mehr hatten. Eigentlich beschwere ich mich immer, dass die gegenüberliegenden Wolkenkratzer der „Hudson Yards“ nachts in mein Zimmer leuchten, aber jetzt, wo alles um mich herum stockduster war, bin ich wirklich erschrocken. Als ich die mobilen Daten meines Handys aktiviert habe, habe ich gelesen, dass meine Freundin Kaley bei uns im Haus im Aufzug stecken geblieben ist und unter Todesangst gelitten hat. Ich habe die Taschenlampe meines Handys aktiviert und bin – wie im Krimi – auf den Gang geschlichen. Um die Ecke kam eine andere Bewohnerin geschlichen und wir haben uns gegenseitig total erschreckt und laut gekreischt. Es gab nicht mal ein Notfalllicht bei uns im Flur, also waren da auf einmal lauter Handytaschenlampen, die sich Richtung Dachterrasse vorgekämpft haben. Der Blick auf die Stadt kann einfach nur als gespenstisch beschrieben werden. Die Tatsache, dass man überhaupt nicht wusste, wie lange der Strom ausfallen würde, war ziemlich beunruhigend. In Deutschland hab ich das nie länger als 5 Minuten erlebt, aber hier waren es 5 Stunden. Restaurants mussten ihr Essen wegwerfen. U-Bahnen konnten nicht mehr fahren. Alle Broadway Shows mussten abbrechen. Hunderte Menschen saßen in Aufzügen fest und mussten von der Feuerwehr gerettet werden. Verkehrschaos. Alle haben noch viel wilder als sonst gehupt und ein Teil der US Army kam angerückt, um den Verkehr zu regeln. Besonders beunruhigend war die Nachricht, dass auf den Tag genau vor 41 Jahren in New York ein 25-stündiger Stromausfall war, bei dem es zu zahlreichen kriminellen Taten kam, zu Plünderungen und Überfällen. Es gab natürlich schon wieder etliche Verschwörungstheorien. Man soll das Haus nicht verlassen, nicht U-Bahn fahren, hieß es nun. Wir jungen „unmarried working-women“ gleich zweimal nicht, so nahe wie wir am Bahnhof „Penn Station“ wohnen. Nachdem mein Laptop seinen Geist aufgegeben hatte und auch mein Handy, habe ich mich resigniert, ohne abendlichen Snack (der Snackautomat ging auch nicht mehr) im Dunkeln in mein Bett gelegt und bin tatsächlich eingeschlafen. Geweckt wurde ich um 24 Uhr, als auf einmal plötzlich alle Lampen angesprungen sind und mein Ventilator wie wild gebrummt hat, ganz glücklich darüber, dass er wieder zum Leben erweckt wurde. Es hat mich ernsthaft schockiert New York so zu erleben, was so ein Stromausfall mit einer Stadt macht. Man hat aber laut und deutlich den Jubel von den Straßen vernommen, wo Menschen für die Techniker*innen geklatscht haben und sich bedankt haben, dass es nun wieder Strom gab. In der Zeitung habe ich gelesen, dass viele Künstler*innen, vor allem am Broadway, spontan ihre Vorführungen auf die Straßen verlegt hatten, es soll wie ein Festival in manchen Stadtteilen gewesen sein. Das liebe ich so an New York – viele Menschen versuchen, das Beste aus jeder Situation zu machen.

Blick vom Rooftop.

Am nächsten Tag ging es mit noch mehr Adrenalin weiter. Um einem Tag der Großstadt zu entkommen und meine Gedanken zu sortieren, ohne andauernd in Gesellschaft zu sein (ja, manchmal brauche selbst ich das), bin ich in den nördlichen Teil des Staates New York gefahren – mit einem gemütlichen, altmodischen Zug entlang des Hudson River. Dieser hat lauter junge New Yorker*innen, die sich nach der Natur sehnen, an einer ominös klingenden Haltestelle „Breakneck Ridge“ im Nirgendwo im State Park „Hudson Highland“ aussteigen lassen. Als ich das Schild „This is not Just a Walk in a Park“ gelesen habe, musste ich erst lachen, aber als ich weitergelesen habe, dass der Breakneck Ridge Trail nur für „experienced Hikers“ sei und eine „excellent physical condition“ fordere, musste ich schlucken. Erfahren bin ich zwar halbwegs beim wandern, aber meine körperliche Kondition würde ich nicht unbedingt als exzellent beschreiben. Vor allem nicht nach all den Wochen in einem Bürojob, ohne mein drei mal wöchentliches Zumba-Training. Auf einmal ist mir aufgefallen, dass alle um mich herum sportlich aussehen. Ich habe mir gut zugesprochen und gesagt, dass ich auch sportlich aussehe, außer vielleicht mit meinem cremefarbenen Mädchenrucksack aus Kunstleder. Einer der Park Rangers hat mich leicht alarmiert gefragt, ob ich plane, alleine zu wandern, und ich habe bejaht und die Herausforderung angenommen. Um es kurz zu machen: Der Wanderweg war eine der krassesten körperlichen Erfahrungen, die ich je gemacht habe, ich wirklich an meine Grenzen gekommen. Der Weg war kein Weg, sondern quasi eine Kletterwand, die man ohne Sicherung hochklettern musste. Oftmals auf allen Vieren. Ständig musste ich überlegen, wie ich den nächsten Schritt mache. So viele Menschen sind umgedreht, es war auch so schrecklich heiß.

Einmal hing ich wie ein Mehlsack in der Felswand fest und kam nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Da habe ich versucht, in möglichst selbstbewussten Tonfall „Help!“ zu rufen und meinen Stolz nicht ganz zu verlieren, aber es war vermutlich ziemlich piepsig und verzweifelt. Zum Glück hat mich eine Wandergruppe von jungen Männern als Colorado heldenhaft gerettet und mich ein Stück hochgedrückt beziehungsweise gezogen. Mit ihnen bin ich noch eine ganze Weile geklettert, aber sie waren einfach viel schneller als ich, daher habe ich ihnen gesagt, dass sie ohne mich weiter sollen (ein dramatischer Moment). Ihr Gentleman-Tum hat ihnen das erst nicht erlaubt, aber ich konnte sie noch davon überzeugen, hinter mir kamen ja noch viele andere Menschen, die mich retten könnten. Der Weg wollte wirklich kein Ende nehmen und meine Beine und Arme waren schon völlig aufgeschürft, dann auf einmal habe ich eine Amerika-Flagge im Wind wehen sehen (für manche wäre das sicherlich ein patriotischer Moment gewesen) und ich habe die Aussichtsstelle erreicht. Mit GRANDIOSEM Blick über das Hudson Valley. Grünen, satten Wäldern, eine unglaublichen Stille, die lediglich von dem Zug unterbrochen wurde, der sich entlang des Flusses bewegt. Es war wie in einem der romantischen, amerikanischen Landschaftsgemälde, die ich mit meinen Tutoriumsteilnehmer*innen analysiert habe. So dreckig und verschwitzt, am Ende meiner Kräfte ich war, so magisch war dieser Moment trotzdem für mich.

Glückliche Katharina

Spätestens als ich im Zelt der Rangers am Parkausgang angekommen war, habe ich urplötzlich die totale Erschöpfung gespürt und ich wurde eingeladen, in einem gemütlichen Klappstuhl Platz zu nehmen. Ein Ranger hat mir ein Wasser mit Nahrungsergänzungsmittel gemischt, anscheinend war ich total dehydriert. Als er mit mir über Wagner und Schubert diskutieren wollte (sein Lebenstraum: „Lieder schreiben“), konnte ich kaum darauf eingehen, so fertig war ich mit der Welt. Aber ich war ziemlich stolz, dass ich den Berg erklommen und nicht aufgegeben hatte. Nach all den Wochen im Büro, in Kunstmuseen, in Restaurants und Shopping Malls, hat es gut getan, den eigenen Körper zu spüren. Die Natur hat mich durchatmen lassen, ich konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ich war verwundert über die Gedanken, die auf einmal in meinem Kopf aufgeploppt sind, ich wusste gar nicht, dass sie noch irgendwo unverarbeitet in mir darauf gewartet haben, gedacht zu werden. Jetzt bin ich wieder ganz bei mir.

Habt eine gute Woche.

Woche 6

Dekoration des Schreckens

Spätestens als ich mit dieser Dekoration, die nur schwer an Hässlichkeit zu überbieten ist, im Speisesaal meines Wohnheims konfrontiert wurde, musste ich mich mit den nahenden 4. Juli auseinandersetzten. Dem amerikanischen Nationalfeiertag, auch Independence Day genannt. Gefreut habe ich mich, nach fünf anstrengenden Arbeitswochen auf einen freien Tag, aber ich habe auch Verunsicherung verspürt, wie ich mit dem Feiertag umgehen soll, der ein einziges patriotisches Spektakel ist. (Amerikanischer) Patriotismus ist weit entfernt von meiner Lebenswirklichkeit in Deutschland – mich stören schon Deutschlandflaggen bei Fußball-WMs. Doch hier ist der Umgang mit Patriotismus ein völlig anderer. Die meisten Schulen haben immer noch die „Pledge of Allegiance“ als Morgenritual – alle Schüler*innen versammeln sich vor der amerikanischen Flagge und sprechen mit der Hand auf dem Herzen: „Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.“ Jeden Morgen – das muss man sich mal vor Augen halten. Völlig unvorstellbar für uns in Deutschland.

So gerne ich ich die zahlreichen Menschen mit „Land of the Free“ – T-Shirts gerne in eine Diskussion verwickelt hätte, wie „frei“ die USA wirklich sind (sehr wenig bis gar nicht?), habe ich es nicht gemacht. Ein wichtiger Lernprozess bei Auslandsaufenthalten ist es, manche Dinge in dem neuen Land einfach stehen zu lassen und zu akzeptieren. Stattdessen habe ich mich auf das konzentriert und eingelassen, was ich hier in den USA so liebe und jeden Tag genieße: Die Menschen, im speziellen meine amerikanische Mädels-Clique. Am 4. Juli -Wochenende habe ich sie „gefeiert“, für ihre Lebenslust, ihre nie enden wollende Energie, ihren ansteckenden Optimismus, ihren Tatendrang. 50 % geben? Fehlanzeige! Mittagsschlaf? Nie! Halbe Sachen? Auf keinen Fall! Diese Art, das Leben zu gestalten, ist für mich „typisch amerikanisch“ (falls es so etwas überhaupt gibt), ich habe es bei allen Aufenthalten in den USA erlebt, bei den unterschiedlichsten Menschen, in Ann Arbor an der Uni, in New York in der Arbeitswelt, bei einer Konzertreise, beim Leben in Gastfamilien, auf Reisen. Die Menschen, die ich in den USA kennen gelernt habe, versuchen immer das Beste aus ihrem Leben zu machen und innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen, die oft nicht einfach sind, alles zu geben. Hiervon lasse ich mich täglich mitreißen.

Zum Beispiel als wir bei 35 Grad und 90 %iger Luftfeuchtigkeit, nach 8 Stunden Arbeit und Abendessen noch losgezogen sind, um für den Strandtag, den wir für den 4. Juli geplant haben, massenhaft Snacks und „cute swimsuits“ zu kaufen. Die Devise war, am 4. Juli auf jeden Fall „cute“ auszusehen, wer weiß, wem man am Strand begegnet. Und Snacks zu essen! Ich war so erschöpft, dass ich eigentlich direkt ins Bett wollte, aber ich bin doch mitgekommen. Entsetzt musste ich feststellen, dass die Mädels ausgerechnet in den Laden „TJ Maxx“ wollten, ein riesiges Discounter Kaufhaus, das von oben bis unten vollgestopft ist mit Allem. Von Kleidung bis Einrichtung bis Lebensmitteln. Ein Laden, den ich vielleicht betreten würde, wenn ich lange ausgeschlafen oder einen spontanen Energieschub verspürt hätte. Aber mit geballter Frauenpower haben wir dann doch gründlich und ausdauernd die Regale durchforstet. Und Badeanzüge anprobiert. Uns gegenseitig Feedback gegeben. Und alle haben was richtig „Cutes“ gefunden! Beim Einkaufen der Snacks, die im Sonderangebot waren, ist die Gruppe dann mal wieder richtig eskaliert (habe ich schon erwähnt, wie sehr uns die Liebe zum Essen verbindet?) Während ich verzückt festgestellt habe, dass es meine amerikanischen Lieblingsgummibärchen mit extrem künstlichen Wassermelonengeschmack in einer extragroßen Packung gibt, haben meine Freundinnen mehrere Tüten Chips, Cracker, Nüsse und Popcorn erstanden. Die Snacks für fünf Mädels waren letztendlich so schwer, dass sie in mehrere Plastiktüten (Reißgefahr) gepackt werden mussten. Das war schön.

Wie immer waren wir völlig „excited“ über den Funday, den wir am Feiertag auf der Insel „Long Island“ verbringen wollten. Mit unseren neuen Badeanzügen, luftigen Sommerkleidern und -hüten ausgestattet, abwechselnd die schwere Snackstüte schleppend, haben wir uns vom Wohnheim zum Bahnhof aufgemacht, von dort sind wir eine Stunde zum Strand gefahren.

Es hat so unfassbar gut getan, die Augen gen Horizont zu richten, ohne dass direkt vor einem ein Wolkenkratzer aufragt. Meerluft anstelle von verschmutzter, stickender New Yorker Luft zu atmen. Schuhe auszuziehen, ins Meer zu waten. Luft an den Körper zu lassen, keine „anständige Arbeitskleidung“ zu tragen. Schon gleich zu Beginn sind unvermutet sechs Delfine am Strand entlang geschwommen, sie haben so fröhlich ihre Bögen geschwommen, dass wir noch glücklicher wurden. Wir haben in einer Strandbar leckere Avocado-Tacos gegessen, gelesen, ein Shooting für Instagram gemacht (wichtiger Bestandteil jeder Aktivität), die neuesten Tinder-Dates analysiert und geplant, über unsere Lieblingssongs von Taylor Swift diskutiert (in der Tat: es gibt noch andere Menschen, die Taylor Swift mögen!) und uns den schlimmsten Sonnenbrand überhaupt zugezogen. Aber das ist egal, der Tag war einmalig schön.

Die Mädchen geben mir hier in dieser Stadt, die so unglaublich anonym ist, das Gefühl, zuhause zu sein. Vielleicht erinnert ihr euch an meinen ersten Blogeintrag, in welchem ich von meinem ersten Abend in NYC berichtet habe. Ich stand auf dem Rooftop unseres Wohnheims und war überwältigt von der nächtlichen Kulisse. Aber auch ängstlich und einsam. Ich habe tausende von kleinen, beleuchteten Fenstern um mich herum gesehen, hinter denen sich lauter Leben abspielen, zu denen ich nicht gehörte, und von denen ich nichts wusste. So viele Menschen hier auch auf kleinstem Raum leben, so wenig wissen sie voneinander. Daher bin ich so unglaublich froh, so viel Anschluss zu haben (auch auf der Arbeit). Das Rooftop ist nun ein ganz anderer Ort für mich. Wenn sich auf den Stockwerken die Hitze staut, ein anstrengender Arbeitstag sich dem Ende neigt, die Sonnen über dem nahegelegenen Hudson River untergeht, die Stadt langsam ein wenig ruhiger wird, dann ist das der Ort, wo man Ruhe findet. Geduscht, in Jogginghose, College T-Shirts und Plüsch-Flipflops (die gibt es bei uns in Deutschland gar nicht), mit Macbook und Handy in der Hand, Cola Light und Popcorn ausgestattet, ist hier noch Raum für Gespräche und Zeit für sich allein. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass ich noch nie in meinem Leben so viel Popcorn gegessen habe. Meine neue Lieblingssorte ist „White Cheddar“. In genau diesem Setting sitze ich in diesem Moment, in welchem ich diesen Blogeintrag schreibe. Mein Blick schweift über New York und ich bin überglücklich, hier zu sein.

Woche 5

Foto Credit: Goethe Institut New York

Vor wenigen Jahren hätte ich vermutlich nicht im Entferntesten gedacht, dass ich im Jahr 2019 auf dem Queer Liberation March mitlaufen werde, bei sengender Mittagshitze mitten auf der 6th Avenue durch Manhattan, mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Queer as German Folk“, aber genau das ist gestern passiert. Den Sprechgesang: „What do we want? – QUEER LIBERATION! When do we want it? NOW!“ bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habt ihr in der Tagesschau beobachten können, was für ein Spektakel sich dieses Wochenende in New York geboten hat.

Vor 50 Jahren haben sich homo- und transsexuelle Menschen in der New Yorker Christopher Street in der berühmten Kneipe „Stonewall Inn“ gegen willkürliche und homophobe Polizeigewalt gewehrt. Ein Jahr später fand der erste „Christopher Street Day“ statt, welcher inzwischen auch weltweit verbreitet gefeiert wird. Es wird nicht nur die Stonewall Aufstände erinnert, sondern vor allem auch für die Rechte der LGBTQI Community und gegen deren Diskriminierung und Ausgrenzung protestiert. Da die berühmten Stonewall Riots nun ihr 50jähriges Jubiläum feiern, wurde dies zum Anlass genommen, um den weltweit größten Protestmarsch in New York zu veranstalten. Am Wochenende waren vier Millionen Menschen hierfür angereist. Vier Millionen. Toll, dass sich so viele Menschen, egal ob hetero- oder homosexuell, solidarisiert haben und für LGBTQI Rechte auf die Straße gegangen sind.

Fotocredit: Goethe Institut New York

Schon den ganzen Monat über war New York geprägt vom „Pride Month“ – ganze 30 Tage wurden zum Anlass genommen, die LGBTQI Community in den Vordergrund zu rücken und auf ihre Diskriminierung aufmerksam zu machen. In New York gab es allein 400 Veranstaltungen, z.B. Podiumsdiskussionen, Filmabende und Theater-Aufführungen. Auch das Goethe Institut hat sich stark eingebracht, wir haben den Monat über in unserem Institut eine Ausstellung namens „Queer als German Folk“ in Kooperation mit dem Schwulen Museum in Berlin beherbergt, die vor allem die deutsche Geschichte der LGBTQI Community darstellt, aber wir waren auch auf diversen Pridefesten vertreten, partyartigen politischen Veranstaltungen, wo das Queersein im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert wurde. Ich finde es sehr gut, dass das Goethe Institut, das immerhin eine Regierungsorganisation ist (vom Auswärtigen Amt finanziert), so klar (politisch) Profil und Solidarität zeigt und das nicht nur im Bezug auf LGBTQI Rechte.

Meine Kolleg*inne mit gereckter Faust:D
Foto Credit: Goethe Institut New York

Neben all diesen tollen differenzierten Veranstaltungen gibt es dann auch noch H&M, Starbucks und MacDonalds, die sich während des Pridemonths pro forma eine Regenflagge in ihr Schaufenster hängen und darauf hoffen, damit größeren Profit machen zu können. Nahezug jeder Laden in New York war auf einmal Teil des Pridemonths. Überall würde mit Pride-Rabatten gelockt, über war Pride, Pride, Pride. Dass Pride aber mehr ist , als eine Regenbogenflagge aufzuhängen und vor allem, dass Pride nicht nur heißt, die Queerness öffentlich darzustellen, sondern in Gedenken an Stonewall weiterhin aktivistisch zu sein, das scheinen diese Konzerne zu ignorieren. Dass die Gleichberechtigung der LGBTQI Community noch lange nicht erreicht ist, darauf muss ich hier gar nicht eingehen, das wisst ihr alle. Man muss nur die evangelische Landeskirche anschauen, die keine gleichgeschlechtichen Paare segnen möchte. Oder noch drastischer: Die Tatsache, dass transsexuelle Menschen in Brasilien im Durchschnitt nur 25 Jahre alt werden. Entsetzliche Dinge, mit denen ich mich als heterosexuelle Frau nicht direkt konfrontieren muss, was aber nicht heißt, dass nur weil ich nicht betroffen bin, ich einfach weggucken kann.

Foto Credit: Goethe Institut New York

Leider ist der World Pride March, der gestern in New York stattgefunden hat, ein Produkt genau dieser oben beschriebenen Kommerzialisierung – und wie uns einige der LGBTQI Aktivist*innen, mit denen wir während des Pride Months zusammen gearbeitet haben, beklagen, eine große Party, die eher einem Karneval, einem Freudenfest ähnelt, das das Gefühl vermittelt, dass alle Probleme gelöst wurden und sehr wenig mit den politischen Stonewall Aufständen vor 50 Jahren zu tun haben. Daher wurde vormittags von Aktivist*innen ein alternativer Marsch, der „Queer Liberation March“ veranstaltet, an dem wir uns auch als Goethe Institut beteiligt haben.

Auch wir sind in der berühmten Christopher Street gestartet und bis zum Central Park gegangen, aber der Protest war um einiges politischer. Es wurde nicht nur für LGBTQI Rechte protestiert, sondern auch gegen Schusswaffen, gegen den Kapitalismus, für Feminismus, für BlackLivesMatter, sexualisierte Gewalt gegen Frauen (z.B. MeToo), gegen Trump und vieles mehr. Und es war sehr friedlich. Eigentlich bin ich keine Person, die auf Demonstrationen geht, aber das hier war etwas Besonderes. Immer wieder kam man mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch, 90-Jährigen und Kindern, Menschen aus allen Ländern aus den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen. Viele habe uns auf unsere T-Shirts angesprochen und wollten wissen, was es damit auf sich hat. Und ein Moment war besonders eindrücklich, ich werde ihn mein Leben lang nicht vergessen. Es gab eine spontane (oder inszenierte?) Schweigeminute, die nicht von irgendjemand angekündigt wurde. Aber auch einmal wurde alles still. Alle sind stehen geblieben, alle Musik war aus. Noch nie habe ich in New York, das die lauteste und anstrengendste Stadt ist, die ich kenne, eine solche Ruhe erlebt. Es war schon fast spirituell, so als würde die Welt kurz die Luft anhalten. Niemand hat sich bewegt, alle sind in Solidarität verharrt und auf einmal war die Stille vorbei, so als hätte jemand ein Zeichen gegeben und die Menschen haben gejubelt und gepfiffen, gesungen und geschrien. Das war einfach unglaublich. Ich kann es schwer beschreiben.

Das Goethe Institut NYC beim Queer Liberation March.
Foto Credit: Goethe Institut New York.

Ich bin sehr dankbar über solch intensive Erlebnisse, die diese Stadt und dieses Praktikum möglich machen. Ich habe das Gefühl, mich hier stark weiterzuentwickeln.

Gestern nach dem Marsch, nach einem mittelschweren Sonnenstich und Dehydration, einem zweistündigen Mittagsschlaf war ich dann wieder sehr angepasst und habe um das wohl am meisten auf Instagram vorkommende Foto gebeten, das man in New York machen kann. Und habe es auf Instagram gepostet. Eine echte Revolutionärin bin ich wohl doch noch nicht:D

Ich sende euch ganz liebe Grüße und hoffe, dass ihr gut in die neue Woche gestartet seid!

Woche 4

Hallo ihr Lieben,

nein, ich habe mich nicht verlobt. Aber ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Nagelstudio und ich möchte dieses banale Erlebnis mit euch teilen. Als ich meiner Mutter von meinem Gang ins Nagelstudio erzählt habe, hat sie laut losgelacht. So sehr ich schöne Kleidung liebe, so wenig befasse ich mich normalerweise mit Make-Up und Nagellack und Hairstyling. Aber in New York gehen quasi alle Frauen, von den Upper East Sider Ladies bis zu meinen amerikanischen Freundinnen zum Nägelschneiden und Lackieren ins Nagelstudio. Meine Freundinnen meinten letztens, dass es keine schönere „Self-Care Time“ gäbe, als Samstag morgens im Nagelstudio zu sein. Meine Self-Care Time besteht eigentlich darin, mal ausnahmsweise einen zweistündigen Mittagsschlaf zu machen oder eine Packung Gummibärchen zu essen, aber ich bin ja jetzt in New York und möchte an der Lebenswirklichkeit der Menschen hier teilhaben. Daher habe ich nach einer erlebnisreichen Arbeitswoche mit vielen Überstunden (wir waren vom Goethe Institut beim Pridefest, das dem Christopher Street Day ähnelt, vertreten) tatsächlich ein Nagelstudio betreten. Die giftige Welle an Nagellackgeruch, die mir entgegen schlug, hat mich erst einmal kurz überlegen lassen, ob ich schnell die Flucht ergreifen sollte, aber schon wurde ich von einer freundlichen Dame mit Atemschutz eingefangen. Aus über 200 verschiedenen Sorten Nagellack durfte ich mir eine Farbe aussuchen (ich war leicht überfordert) und dann ging es los: Feilen, eine Tinktur hier, ein Cremchen da, Handmassage (herrlich), mehrere Male die Nägel lackieren. Um mich herum lauter andere Frauen, junge und alte, alle vereint in ihrer glückseligen Erwartung von schönen, gepflegten Händen und Füßen. Manche Frauen halten ihre müden Füße in Becken, in denen Fische schwimmen, die die tote Hornhaut abknabbern. Ich habe davon schon gehört, aber es entsetzt mich aufs Neue. So. Eklig. Die armen Fische. Mit meinen Nägeln bin ich zufrieden, es war nett, dass ich mich einmal nicht selbst darum kümmern musste. Aber dafür 15 Dollar zu bezahlen, das lohnt sich einfach nicht. Wenn man so was einmal anfängt, dann kann man nicht mehr damit aufhören, erzählen meine Freundinnen. Man möchte dann nämlich nicht nur Maniküre, sondern auch Pediküre machen lassen. Und Zähne bleichen. Und die Haut behandeln lassen. Und irgendwann kommen dann vielleicht die Schönheitsoperationen. In New York haben viele Menschen sehr viel Geld und vor allem die Frauen zahlen viel dafür, gut auszusehen. Das ist nicht meine Welt, nachdem ich meine Hände 10 Minuten unter ein ominöses Trockenpustegerät gehalten habe, verlasse ich das Nagelstudio, atme tief die frische Luft ein und beginnen mit der echten „Self-Care-Time“. Am Washington-Square-Park sitzen, im ehemaligen Künstlerviertel „Greenwich Village“, und Menschen beobachten. Ich bitte eine Frau, ein Foto von mir zu machen, und es stellt sich heraus, dass sie professionelle Fotografin ist. Typisch Village, hier sind viele kreative Menschen unterwegs. Sie schraubt einen zusätzlichen Aufsatz auf meine Kamera und macht ein Bild, das mir gut gefällt, es fängt ein, wie fröhlich ich an diesem Tag bin.

Greenwich Village liegt in Downtown Manhattan, es ist einer der Teile, die keine Wolkenkratzer haben, was geradezu wohltuend ist. Überall gibt es kleine individuelle Shops, wie zB den „unoppressive, non-imperialist bookshop“, es gibt Falafelläden (ungewöhnlich in den USA), überall hängen Regenbogenflaggen, die Menschen sind entspannt und ich bin es auch.

Ein anderes Erlebnis diese Woche war sehr eindrücklich für mich. Ich war heute in einem Gottesdienst. Nachdem ich als 15-jähriges Mädchen völlig verstört aus dem „Gottesdienst“ einer Pfingstlergemeinde in Ohio getaumelt bin, in den mich meine Gastfamilie mitgenommen hatte, verschreckt von den ekstatischen Schreien und Herumwälzen von Menschen auf dem Boden, Zungenreden und sonstigen angeblichen Wirkungen des Holy Spirit, habe ich in den USA keine Kirche mehr betreten. Wie ihr wisst, stehe ich vielen Dingen in der (amerikanischen) Kirche sehr kritisch gegenüber, vor allem in den evangelikalen/charismatischen Gemeinden hier stört mich besonders die politische Dimension, die mit dem Verbot von eigenständigen Denken einhergeht. Es gibt nur wenige Gemeinden, in denen ich mich zu 100% wohl fühle, so wie in meiner Heimatgemeinde in Rohrau oder im evangelischen Stift in Tübingen. Meine Freundin Haley, mit der ich bisher viel über unseren Glauben diskutiert habe, hat mich jedoch eingeladen, mit ihr in den Gottesdienst einer presbyterianischen Gemeinde an der Upper East Side zu kommen. Da ich sie als sehr reflektierte Gesprächspartnerin und als quer denkende Person wahrgenommen habe, dachte ich, dass ich vielleicht noch einmal einen Versuch wagen kann. Und New York ist ja auch nicht Ohio. Und Presbyterianer sind keine Pfingstler. Und tatsächlich – der Gottesdienst hat mir unglaublich gut gefallen. Nicht nur die Tatsache, dass die Kirche alt und wunderschön gelegen am Central Park eine besondere Atmosphäre verströmt, sondern auch die Musik hat es mir angetan. Ein Chor, Harfe, ein Streichquartett. Klassische Musik, Choräle, keine nervtötenden, bedeutungsleeren Worshipsongs. Liturgie, die unserer ganz ähnlich ist. Eine gute Predigt, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Abendmahl. Ein Friendensgruß, den ich zu spät als einen solchen identifiziere und zu allem Menschen „Nice to meet you“ anstelle von „Peace be with you“ sage (peinlich!). Alle haben wunderbare Kleider an und haben sich herausgeputzt. Nach dem Gottesdienst gibt es Refreshments und Brunch. Ich fühle mich tatsächlich bestärkt, ich bin in all dem Trubel der letzten drei Wochen zum ersten Mal wirklich zur Ruhe gekommen, habe über mich und mein Leben und meine Mitmenschen bewusst nachgedacht und mir neue Ziele gesetzt, mich wieder angespornt, das Beste aus allem, was mir geschenkt wurde, zu machen. Den Sonntag haben wir im Central Park ausklingen lassen, es war wie im Bilderbuch. Ich blicke positiv in die neue Woche.

Liebe Grüße an euch!

Woche 3

Webster Girls

Hallo,

diese Woche bin ich Teil einer amerikanischen Girl-Gang geworden. Unsere Namen allein schon passen sehr gut zusammen: Haley, Kaley, Courtney und Kathi. Ich bin überglücklich, diese drei wundervollen Amerikanerinnen beim Frühstück in meinem Wohnheim kennen gelernt zu haben. Wir haben sofort einen guten Draht zueinander gefunden, ich wurde einem lustigen WhatsApp Chat hinzugefügt, indem alle andauernd ganz überschwänglich „Can’t wait to do XY“, „we must see XY“ oder „I‘ d love to XY“ schreiben. Und alle, wie auch schon in Ann Arbor, sind „super exited“ über alles, was passiert. Eine der Sachen, die ich am meisten an den Amerikaner*innen wertschätze, ist der nie enden wollende Enthusiasmus, der sich auch in der Sprache zeigt. Nichts ist je „okay“ oder „gut“, sondern „amazing“ und „fantastic“, man „mag“ nichts nur einfach, sondern man „liebt“ es und ein Ausruf der Verwunderung ist kein „oh!“, sondern ein „wow!“. Am besten gefällt mir der Ausruf „so fun!“, zu jeder Gelegenheit universal einsetzbar. „Ich mache ein Praktikum am Goethe Institut „- „so fun!“. „Ich komme aus Deutschland“ – „so fun!“. „Meine Familie lebt in Deutschland in einem kleinen Dorf“ – „so fun!“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Wortkombination selbst immer häufiger verwende. Uns Mädels verbindet jedoch nicht nur die optimistische Art, sondern auch die Liebe zum Essen. Es ist nicht einfach, Menschen zu finden, die genau so gerne essen wie ich und wenn ich welche finde, sind sie mir sofort sympathisch! Nachdem wir auf unserer Checkliste „Bilder für Instagram auf der Brooklyn Bridge machen, die so aussehen, als wären sie nicht gestellt“ abgehakt hatten, ging es weiter ins mitten in Manhattan gelegene Chinatown, wo man sich fühlt, als wäre man im weit entfernten China. Dort haben wir in einem für seine „Dumplings“ (gefüllte Teigtaschen) berühmten Restaurant alle möglichen Speisen probiert (natürlich erst nachdem wir uns mit kleinen Fläschchen, die alle in der Handtasche haben, die Hände desinfiziert haben). Es war fantastisch! Wir haben es geliebt! Es war fun!:) Natürlich haben wir nicht nur nur über Essen und Sightseeing gesprochen, sondern das Gespräch ging gleich viele Ebenen tiefer, wie haben über das amerikanische und deutsche Bildungssystem diskutiert, über die Art, wie unterschiedliche das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in den USA und Deutschland ist und was wir uns für unsere Zukunft wünschen.

Um wieder zum Essen zurück zu kommen: Der Nachtisch, den wir uns gegönnt haben, hat alles an bisheriger Geschmackserfahrung in meinem Leben gesprengt. Ich bin immer noch völlig k.o. Wir waren in einer Keksteigeisdiele (ein schönes Wort). Hier bekommt man anstelle von Eiscreme rohen Keksteig in verschiedenen Geschmacksrichtungen, z.B. in Schokoladenteig, Vanille, Keksstückchen, Nuss…Ich konnte nicht einmal ein Viertel der einen Kugel essen, das war so extrem süß und fettig, ich bin immer noch traumatisiert. Der Cookie Dough Shop ist übrigens der erste seiner Art, aber es wird sicherlich auch bald in Deutschland welche geben.

Soviel zum besonders spaßigen und entspannten Teil der Woche. Ich möchte noch ein anderes, sehr einprägsames Erlebnis mit euch teilen, das mich immer noch beschäftigt. Am Freitag hat das Goethe Institut eine Board-Game-Night (Brettspieleabend) veranstaltet. Hier können aktuelle Kursteilnehmer*innen in lockerer Atmosphäre Spiele spielen und währenddessen ungezwungen bei einem Glas Pfälzer Wein und Snacks Deutsch sprechen üben. Die Veranstaltung ist aber auch für die Öffentlichkeit gedacht – alle, die gerne Deutsch sprechen möchten, oder Brettspiele mögen oder einfach in Gesellschaft sein möchten, können hier her kommen. Wie manche von euch wissen, hasse ich Brettspiele. Ich bin nicht gut darin und Alex‘ und meine Freundschaft wäre eines Abends fast daran zerbrochen, weil ich anscheinend so schlecht gespielt habe und zum Verlieren unseres Teams maßgeblich beigetragen habe (:D). Interessiert hat mich daher nicht das Brettspiel, sondern vielmehr die Konstellation an Menschen, die an meinem Tisch zusammen saß: Ein goldiger Informatikprofessor, der schon mal vor 30 Jahren in Tübingen war, und in seiner Freizeit gerne deutsche Romane liest und im deutschen Buchclub des Goethe Instituts ist, meine Chefin, ein sehr lieber Obdachloser, ich – und der erste Mensch, den ich je live getroffen habe, der Donald Trump gut findet (weiß, männlich). Auch wenn ich natürlich immer wusste, dass es in Amerika viele Menschen gibt, die Trump unterstützen (immerhin ist er gewählter Präsident), habe ich bei keinem meiner USA-Aufenthalte je eine Person kennen gelernt, die ihn tatsächlich schätzt. Daher war dieses Erlebnis besonders schockierend. Er hat uns während des Spielens in allen Details seine Lebensgeschichte erzählt: Das ganze Leben gehänselt. Aus dem College geflogen. Job-Verlust, Tod der Frau. Obdachlos (hier in den USA oftmals die direkte Folge eines Jobverlustes). Das Leben wieder in die Hand genommen. Deutsch gelernt, da die Vorfahren aus Deutschland ausgewandert sind und die Sprache einem bessere Jobmöglichkeiten beschafft. Universitätsabschluss. Jetzt wieder arbeitslos. Aber fleißig am Deutsch lernen. Zukunft aber ungewiss. Eigentlich war ich davon beeindruckt, wie er sich immer wieder hochgekämpft hat und wie ambitioniert er Deutsch lernt. Aber als wir über Fernsehsender gesprochen haben, ist er auf einmal politisch geworden und hat den Sender CNN als kommunistisch bezeichnet. Als Fake News. Dann hat er direkt angehängt, dass er seinen Präsidenten gut findet, dass er der Einzige sei, der was für „Leute wie ihn“ tue. Mir hat es kurz die Sprache verschlagen. Ich bin wütend geworden und wollte ihn erst einmal fragen, wie er denn genau „kommunistisch“ definiert beziehungsweise ob er denn nicht sieht, was für eine rassistische, sexistische, Weltfrieden gefährdende (Liste kann noch sehr lange weiter geführt werden) Person er da gerade lobt. Aber die Situation wurde kurzerhand und elegant von dem freundlichen Informatik-Professor entschärft, der schlagartig ein vollkommen anderes Thema angeschnitten hat, sodass ich erst einmal verwirrt war. Später habe ich mich erinnert, in einer Broschüre über „kulturelle Unterschiede“ (was auch immer das sein soll) gelesen habe, dass man in den USA besser nicht über Politik redet, dass das sogar unhöflich sein könnte. Damals bin ich ganz schön über diesen Punkt gestolpert – warum soll man denn nicht über Politik diskutieren? In Deutschland macht man das doch andauernd und es ist essentiell wichtig für eine lebendige Demokratie. Hier, so haben es mir die Mädels vorhin erklärt, seien die Fronten zwischen Demokraten und Republikanern so verhärtet, dass es kaum Sinn mache, noch miteinander zu diskutieren. Jeder bleibe sowieso bei seinem Standpunkt.Und einem Menschen wie dem Besucher unseres Spieleabends, der ein schweres Leben hinter sich hat, würde ich, eine (idealistisch denkende?) europäische Studentin wohl wenig erzählen können. Aber heißt das, dass ich einfach schweigen soll? Gerade als Studentin der Geisteswissenschaften werde ich andauernd ermutigt, ein Freigeist zu sein. An einer besseren, kritischeren Gesellschaft mitzuwirken. Aber wo bewirken meine Gedanken etwas, und wo nicht, wo bewirken sie vielleicht sogar das Gegenteil, nämlich eine noch größere Distanzierung? Wie kann man am besten Grenzen überwinden, anstelle neue aufzuziehen? Wann soll ich sprechen und wann lieber nicht? Als ich nachts um 11 die Straßen von Manhattan Richtung Webster Apartments entlang gegangen bin, langsam, weil die Woche so anstrengend war, bewusst die kühle Abendluft einatmend, da war ich sehr nachdenklich.

Ich wünsche euch eine wunderbare Woche!

Woche 2

Hallo ihr Lieben,

was man in New York in einer Woche erlebt, fühlt sich an, als würde es zuhause in Deutschland vier Wochen füllen – oder mehr. Meine große Erschöpfung nach der ersten Arbeitswoche am Goethe Institut hat sich gestern mit einem Schlag breit gemacht und ich war so erledigt, dass ich den ganzen Tag mit runtergezogenen Jalousien, geschlossenen Fenstern (um Geräusche und Licht fern zu halten), in Schlafanzug in meinem Boxspringbett lag und „Gilmore Girls“ geguckt, Hörbuch gehört oder geschlafen habe. Die Webster Apartments habe ich nur verlassen, um mir von der gegenüberliegenden Fastfood Kette „Five Guys“ ein Milchshake zu holen. Ich habe es so dringend gebraucht, dass ich mich nicht mal von den unglaublichen 800 Kalorien, das diese Mischung aus Eis, Peanut Butter, Oreo Keksen und Karamell, beinhaltet, abschrecken lassen habe.

Alle von euch, die im Ausland gelebt haben, wissen, wie kräftezehrend die ersten Wochen sind. Man muss sich in einer fremden Umgebung orientieren und herausfinden, wo Supermärkte, Apotheken, Handyläden, U-Bahn-Haltestellen etc. sind. Man muss in einer anderen Sprache sprechen. Man spürt die Restfolgen des Jetlag. Das Klima ist anders. Man lernt unglaublich viele neue Leute kennen und muss andauernd interessiert, offen und freundlich sein. Dann kommt nun bei mir dazu, dass ich einen neuen Job angefangen habe, das heißt, ich muss mich in ein völlig neues Themengebiet einarbeiten, jeden Tag ordentlich aussehen, motiviert sein und noch mehr Leute kennen lernen.

Schon allein der Weg von den Webster Apartments zum Goethe Institut ist ein echtes Erlebnis. Zwar befinden sich beide in Midtown Manhattan, aber es trennt sie ein Fußweg von 45 Minuten, vorbei am größten Kaufhaus der Welt (Macy’s), kurz vor dem berühmten Empire State Building biegt man rechts ab, läuft durch das hippe Chelsea , dann kreuzt man das viel fotografierte Flatiron Building und läuft auf der berühmten Shoppingstraße 5th Avenue auf den quirrligen Union Square zu. Hier dahinter befindet sich das Goethe Institut – wir sitzen alle zusammen in einem Großraumbüro im 4. Stock eines typischen New Yorker Hauses. Es strömen hunderte Menschen in Businessoutfits die Straßen entlang, manche geben ihren Assistenten schon hysterische Anweisungen beim Telefonieren, andere sind genau diese Assistenten, die gekonnt mehrere Kaffeebecher auf einmal tragen, um sie vermutlich in das nächste Businessmeeting mitzubringen. Neben einem hupen genervt die Taxis, der Verkehr stoppt, die Stadt ist wie immer völlig verstopft. Es riecht nach Bagels und an den Straßenrändern stehen die unverkennbaren, für New York so typischen kleinen Essensstände, wo die gestressten New Yorker sich ein Frühstück kaufen, das im Gehen gegessen werden kann. Niemand hat Zeit, alle hasten. Aber es liegt eine unglaubliche Energie in der Luft, das Gefühl, dass heute etwas bewegt werden wird. Und auch wenn ich diesen filmreifen Weg quer durch Manhattan nun schon mehrmals gegangen bin, ist er eines meiner Hightlights des Tages. Jeden Tag werde ich mehr Teil dieser vibrierenden Masse.

Auf dem Weg zur Arbeit…

Mein erster Eindruck von der Arbeit am Goethe Institut ist sehr gut, alle sind sehr freundlich und haben mich gut eingearbeitet. In einem anderen Blogbeitrag möchte ich ausführlich berichten, was genau unsere Aufgaben und Projekte sind, aber heute möchte ich auf zwei besonders eindrückliche Erlebnisse dieser Woche eingehen. Gleich in meiner ersten Woche durfte ich unser Team sowohl nach Brooklyn, als auch in die Bronx, an zwei Brennpunktschulen begleiten. Das Goethe-Institut bietet nicht nur ein vielfältiges Kulturprogramm und Deutsch-Kurse für vor allem Berufstätige oder ambitionierte Schüler an, sondern geht auch direkt an Schulen in ärmeren Vierteln, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, die Sprache so (kostenlos) kennen zu lernen, einen ersten Eindruck zu erhalten und sie somit zu motivieren, die Sprache zu lernen, was ihnen in der Zukunft bessere Berufschancen eröffnen könnte.

Sobald man das schicke Manhattan und die hippen Viertel Brooklyns wie Williamsburg und Bushwick hinter sich lässt, da macht sich ernsthaftes Entsetzen breit, wenn man aus der U-Bahn steigt. Die Gegend ist so verfallen, so arm, dass einem der Atem stockt. Man kann kaum glauben, in den USA zu sein, vor 30 Minuten noch in Manhattan gewesen zu sein, so gegensätzlich ist dieser Teil New Yorks. Die Menschen sind vorwiegend African Americans und leben weit unter der Armutsgrenze. Viele sind obdachlos, liegen krank und kraftlos am Straßenrand, manche bringen gerade noch die Energie auf, zu betteln. Es gibt keine schönen Cafés und Läden mehr, sondern nur noch heruntergekommene Wohnhäuser. Inmitten diesen Teil Brooklyn ist die Public School, an der Stephi und ich den Sprachkurs geben. Die Schule ist so trostlos, dass mir richtig schlecht wird, sie erinnert mich eher an ein Gefängnis mit den grauen Wänden, dem Zaun, der Polizei, die die Eingänge bewacht. So trostlos die Umgebung, so schlecht die Schule ausgestattet ist, so herzerwärmend sind die Grundschüler*innen, die so begeistert bei unseren Aktivitäten mitmachen, fleißig Wörter wie „Hose“, „Jacke “ und „Apfel“ lernen. Sie sind so enthusiastisch bei der Sache, vor allem bei den Liedern mit Bewegung (auch ich bin hier total in meinem Element) und am Ende umarmen sie ihre „Miss Katie“, was mich fast zu Tränen rührt. Die Kinder sehen sich so offensichtlich nach Anerkennung und auch nach einer Umarmung, nach Beschäftigung und Bildung. Viele sind so wissbegierig und fit und es tut mir weh zu wissen, dass sie in einem nicht vorhandenen Sozialstaat wie den USA wenig Chancen haben werden, diese Bildung zu erlangen. Dafür gibt es hier viel zu viele (finanzielle) Hürden. Es ist so ungerecht! Besonders schockiert hat mich die Tatsache, dass viele der Kinder obdachlos sind, wie uns eine Lehrerin erzählt. In Deutschland würde es das nicht geben, dass Kinder, die zur Schule gehen, obdachlos sind, das Jugendamt würde sich um ein Kinderheim oder eine Pflegefamilie kümmern. Hier ist das anders. Hier ist es die Haltung, dass die Kinder zumindest ein warmes Mittagessen an der Schule bekommen und das besser als nichts ist. Während an den privaten Schulen an der Upper East Side in Manhattan die Schülerinnen darüber diskutieren, welche Handtasche aus der neuen Michael Kors Collection sie nachmittags kaufen wollen , gibt es in Brooklyn obdachlose Kinder, die an Schulen gehen, die so schlecht ausgestattet sind, das es schwer ist, hier Unterricht zu halten. Der Staat kümmert sich hier nicht um die Armen, sie fallen einfach aus dem System raus. Das ist der Kapitalismus schlecht hin. Wir haben wütend und traurig die Schule verlassen und ich habe mich geschämt als ich dennoch froh war, wieder in Manhattan zu sein.

Nicht ganz so drastisch, aber ähnlich, erging es uns in der Bronx. Hier waren wir Teil des jährlichen „Impact Days“, welcher von einer großen New Yorker Unternehmensberatung und dem Goethe Institut organisiert wird. Hier können Schüler*innen, die den High School Abschluss nicht geschafft haben und nun noch einmal extra gepusht werden, verschieden Workshops machen, zum Beispiel zu Finanzen (Wie lege ich einen Bank Account an? etc.) oder eine Art Einstiegskurs zur deutschen Sprache. Ein weiteres Ziel neben der bloßen Wissensaneignung ist es, ihnen Mut zu machen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken (Stichwort „Empowerment“), z.B. durch Spiele und Challenges. Die Jugendlichen haben nach anfänglichen Startschwierigkeiten super mitgearbeitet und konnten sich unglaublich schnell merken, wie man sich auf Deutsch vorstellt und seine Hobbies nennt, besonders ehrgeizig waren sie bei den Spielen. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie sie den High School Abschluss nicht geschafft haben, vermutlich wurden sie überhaupt nicht gefördert, dafür bin ich mir aber sicher, dass es viele im zweiten Anlauf schaffen werden. Die Lehrer*innen, die hier an der Schule arbeiten, holen nämlich alles aus ihnen heraus, was nur geht. Davon war ich schwer beeindruckt, selten habe ich so charismatische Lehrerpersönlichkeiten gesehen. So schwierig manche der Kinder auch waren, so viel Gutes haben die Lehrer*innen in ihnen gesehen, so viele positive Worte an sie gerichtet, mit ihnen gelacht, sich an ihnen gefreut. Als eine der Schülerinnen drei Fragen hintereinander in einem Quiz beantworten konnte und selbstbewusst in nahezu perfekten Deutsch gerufen hat: „Mein Hobby ist Schlafen“ (das Hobby aller Schüler*innen :D), kam eine Lehrerin her, gab ihr High Five, umarmte sie fest und brüllte in die Masse: „Ashley is killing the show tonight – she is not only beautiful, warm-hearted, but also smart! She is one of a kind!“ So undenkbar solch ein Verhalten einer Lehrperson in Deutschland auch ist, hier ist es einfach nur perfekt, weil die Jugendlichen so motiviert bleiben. Ich werde diese Lehrer*innen nie vergessen, ich habe das Gefühl, in wenigen Stunden an ihrer Seite mehr gelernt zu haben, als in meinem gesamten pädagogischen Beistudium (das ich übrigens hasse). Als Lehrerin immer an die positiven Anteile der Schüler*innen zu appellieren, das werde ich mir für die Zukunft weiterhin vornehmen.

Ihr seht, diese Woche ist einiges passiert, Gutes und weniger Gutes. Gelernt habe ich auf jeden Fall viel und die Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden. Die Kontraste in New York machen mir zu schaffen und ich bin unsicher, wie ich damit umgehen soll.

Den heutigen Tag habe ich jedoch bei bestem Wetter in der Stadt verbracht und die direkte Umgebung meines Wohnheims – ganz touristisch- mit einer Freundin aus den Webster Apartments, die für die UNO arbeitet, erkundet. Von der Erkundungstour habe ich ein paar Fotos angehängt.

Ich wünsche euch eine gute Woche, passt auf euch auf!

I’ve made it!

Während ich diesen Satz tippe, schaue ich mich ungläubig um. Ja, ich bin endlich in New York angekommen, sitze auf der Dachterrasse meines Wohnheims mitten in Manhattan und kann nicht aufhören zu denken: „Das ist alles völlig surreal“. Das Adjektiv „surreal“ beschreibt mein Gefühl, das mich in den ersten beiden Tages in New York begleitet, wohl am passendsten. Um mich herum zeigt sich eine gigantische Kulisse, wie man sie schon in hunderten Filmen und Serien gesehen hat. Irgendwie vertraut sind sie, die berühmten Wolkenkratzer, die kreischenden Sirenen der Feuerwehrautos, das ungeduldige Hupen der gelben Taxis, die leuchtende Reklame, die geschäftigen Menschen, von hier oben so klein wie Ameisen, die die Straßen entlang hetzen, unter dem Arm ein gekauftes Essen, das nach einem anstrengenden Arbeitstag in einem der winzig kleinen Apartments verschlungen werden wird, der Geruch nach einer Mischung aus Schmutz, Essen aus allen Ländern der Welt und Großstadt. Gleichzeitig keimt in mir ein Gefühl der Entfremdung auf und ich komme mir verloren und unbedeutend vor in der dieser Mega-Metropole, die vor Energie vibriert und sich fast überschlägt, die – so heterogen sie auch ist, auch wieder so unglaublich rund ist, die sich für mich – vom Jetlag erschöpft – einen Ticken zu schnell und wild bewegt. Kurz vor einem Gewitter steht die Luft zwischen den Wolkenkratzern, einzelne Tropfen beginnen schon zu fallen, was die Szenerie noch unwirklicher erscheinen lässt. Ich kämpfe mit einer Mischung zwischen unbändiger Freude, endlich hier zu sein und mir einen langjährigen Traum zu erfüllen und gleichzeitiger Ratlosigkeit darüber, wie ich jemals einen Platz in dieser Stadt finden soll. Wie soll sich hier ein Lebensalltag gestalten- ein richtiges Leben anstelle eines andauernden Staunens und Überwältigtseins?

Ich möchte versuchen, euch Teil an meinen drei Monaten in meiner Lieblingsstadt werden zu lassen, auch wenn ich immer wieder nur bruchstückhaft und mosaikartig Eindrücke und Erlebnisse beschreiben und reflektieren kann. Alle, die mich gut kennen, wissen, wie sehr ich mir gewünscht habe, einmal für längere Zeit in NYC zu leben – nicht wenig ausschlaggebend dafür waren die Teenie- Serien „Glee“ und „Gossip Girl“, die hier spielen und entgegen der Meinung vieler meiner Freund*innen einfach fantastisch sind!:)

Dachterrassen-Impressionen

Zwar nicht an der gediegenen Upper East Side, aber in Midtown Manhattan, direkt neben dem nagelneu errichteten Wohngebiet „Hudson Yards“, dessen Wolkenkratzer meinem Zimmer jegliches Tageslicht nehmen, stehen die „Webster Apartments“. Sie sind eine echt traditionsreiche non-profit Institution, 1916 errichtet, um „safe, affordable, temporary residences for unmarried working women“ zu ermöglichen. Ja, unverheiratet bin ich und gegen bezahlbare Preise habe ich nichts einzuwenden, vor allem nicht bei den horrenden Mieten in Manhattan (ca. 2000 Dollar monatlich für ein WG-Zimmer). Die Infrastruktur, die hier zur Verfügung gestellt wird, ist sehr komfortabel, es gibt zwei Mahlzeiten am Tag, Community Events, Sportkurse, einen süßen Garten und ein wahnsinnig tolles Rooftop… Im Speisesaal läuft echt amerikanisches Frühstücksfernsehen und man kann schon frühmorgens Trumps freundliches Gesicht bewundern, während man eine Waffel mit viel Ahornsirup verspeist und die zahlreichen Ventilatoren eine ungewöhnliche Kälte erzeugen. Die anderen Frauen sind etwa in meinem Alter, aus aller Welt und alle berufstätig, sei es als Praktikantin wie ich, oder im „ersten richtigen Job“. Ich freue mich darauf, sie kennen zu lernen, ich habe selten so unterschiedliche Frauen an einem Platz gesehen. Nun der Fun Fact: Männer sind hier nicht erlaubt, aus „Sicherheitsgründen“, sie dürfen nur in den Eingangsbereich, aber nicht nach oben in die 13 Stockwerke. Daran werde ich mich erst einmal gewöhnen müssen, ich habe schließlich mein gesamtes Studium über in gemischten WGs/ Wohnheimen gewohnt und männliche Mitbewohner bisher nicht als Gefährdung meiner Sicherheit wahrgenommen. Falls man einen Mann mit aufs Zimmer nehmen möchte, um zB das Zimmer anzuschauen, muss man dies der Rezeption melden und dann kommt ein Securitybeauftragter mit nach oben, quasi als Anstandsdame und danach geht man wieder zu dritt nach unten. Ich muss schon wieder lachen, das ist so absurd. Grundsätzlich ist diese strenge Geschlechtertrennung aber nicht ungewöhnlich in den USA, in meinem Auslandssemester in Ann Arbor waren die meisten Dorms ebenfalls geschlechtergetrennt und auch in der Freizeit Männer und Frauen oft separat unterwegs. Trotz dieser strengen Regeln fühle ich mich bisher sehr sehr wohl in den Webster Apartments, deren Lage unglaublich zentral ist und die eine so ruhige, angenehme Atmosphäre inmitten des bunten Treibens von Manhattan verströmen. Dass das hier ein Zufluchtsort sein wird, davon bin ich überzeugt. Ein Ort, in dessen Eingangshalle immer Brownies, Cookies und Eistee für die „Webster Girls“ bereit stehen, ist ein guter Ort:)

So schön es in meinem Wohnheim auch ist, so kämpft man hier andauernd mit dem Gefühl, dass man auf keinen Fall einfach im Haus bleiben sollte – weil immerhin ist man in NYC, der Stadt, die so viel zu bieten hat und man möchte sich mitten ins Getümmel werfen und am liebsten alles auf einmal erkunden. Ich versuche mich dennoch zu zügeln und erstmal langsam anzufangen, mich vorzutasten. Mit Melissa, die ebenfalls für das Goethe Institut arbeitet und in den Webster Apartments wohnt, ist dann noch eine geplant „kleine Runde um den Block“ eine fast dreistündige Wanderung auf der High Line geworden. Auf der einen Seite den Blick auf den Hudson River, in dem die Sonne nach einem heißen Tag versinkt, auf der anderen Seite die Skyline von Manhattan, kann man auf der ehemaligen Hochbahntrasse, die nun begehbar und begrünt wurde, stundenlang entlangwandern. Und staunen über das Privileg, an solch einem Ort für längere Zeit wohnen und arbeiten zu dürfen.

Morgen beginnt mein Praktikum am Goethe Institut in der Abteilung „German American Partnership Program“, das Outfit und die Tasche für den morgigen Tag liegen schon bereit und ich freue mich schon – wie im Film- durch das morgendliche Treiben New Yorks zum Institut zu laufen.

Ich sende euch liebe Grüße und freue mich, dass ihr meinen Blog lest!