Ihr Lieben,
der letzte Monat in New York ist so schnell vorbei gerauscht, dass ich zwischen Besuch aus Deutschland, wichtigen finalen Projekten am Goethe-Institut und dem bunt gefüllten Alltag in der Stadt kaum noch Zeit zum Schreiben gefunden habe. Und jetzt bin ich tatsächlich zurück in Deutschland, sitze am Küchentisch, genieße den fantastischen Kaffee meiner Mutter – und es kehrt zum ersten Mal seit Monaten Ruhe in mir ein. Alles ist so unfassbar ruhig, schon fast zu ruhig, nach all dem Hupen und den Sirenen New Yorks, nachts ist es richtig dunkel, kein hell beleuchteter benachbarter Wolkenkratzer leuchtet nachts in mein Zimmer, man kann zahlreiche Sterne am Himmel sehen. Die Luft ist so frisch und herbstlich und alles ist so schön sauber und ordentlich. All diese Faktoren bewirken, dass ich nachts bis zu 12 Stunden schlafe. Und ein Mittagsschlaf darf auch nicht fehlen. Ich bin anscheinend ganz schön erschöpft. Im Garten kann ich Tomaten direkt vom Strauch essen, mir einen frischen Pfefferminztee mit eigener Minze zubereiten (dafür hätte ich in Manhattan vermutlich 7 Dollar bezahlt), grundsätzlich kann ich wieder kochen, was ja in meinem Wohnheim in NYC nicht möglich war. Jede*r kennt mich, alle Nachbar*innen kommen, um mich zu begrüßen, die ganze Familie empfängt mich mit ihrer nie enden vollenden Herzlichkeit, mit schwäbischem Essen und Dialekt. Beim Spazierengehen vergesse ich fast, allen Menschen -egal ob bekannt oder unbekannt- Hallo zu sagen – stimmt, das macht man ja so.

In meinem Kopf sind sehr viele Gedanken, Gefühle und Überlegungen zu meiner Zeit in New York, die sich nur sehr langsam ordnen lassen, mir selbst erscheint Vieles surreal, wenn ich die Fotos nun bestaune. Es wird Wochen oder vielleicht Monate dauern, bis ich realisiert habe, dass ich 14 Wochen im Herzen Manhattan gelebt und gearbeitet habe. Und es ist bisher schwer, ein Fazit zu ziehen, aber ich möchte es dennoch einen Versuch starten. Schon als Teenager hatte ich eine ganz spezielle Vorstellung von NYC, sicherlich geprägt durch Filme und Serien und es war mein großer Traum, in dieser Stadt – zumindest für eine begrenzte Zeit – leben zu können. Der tatsächliche Aufenthalt hat mir gezeigt, dass die Stadt alle Vorstellungen sogar noch überstiegen hat. NYC ist für mich die fantastischste Stadt der Welt, jede*r, der/die zum ersten Mal aus dem Bahnhof in die Straßen der Stadt gespült wird, kennt dieses Gefühl, dass man den Eindruck hat, alle Energie der Welt zu besitzen, egal wie müde man ist, man möchte sich in die Straßen stürzen, alles erkunden, oder auf einer Bank sitzen und mit offenem Mund beobachten, was auf den Straßen passiert. Die unterschiedlichen Menschen, die hier auf einander treffen, die Architektur, die Lautstärke und das Licht, die rasante Geschwindigkeit, die Extreme – all das macht New York so besonders. Oft saß ich in einem einfachen Deli an der Straßenecke und habe einen schlechten Kaffee getrunken und einen leckeren Bagel mit Cream Cheese verspeist und das Treiben um mich herum aufgesogen. Die unterschiedlichsten Menschen sitzen in diesem Deli und essen Bagels, sei es ein ärmlich gekleideter Straßenarbeiter oder eine im schicken Kostüm gekleidete Chefin eines großen Unternehmens. Alle gehören dazu, jede*r identifiziert sich mit der Stadt, die schon vor langer Zeit als „Melting Pot“ bezeichnet wurde.

An meinem ersten Abend hatte ich Beklemmungen und ein starkes Entfremdungsgefühl verspürt, als ich auf der imposanten Dachterrasse meines Wohnheims in das nächtliche New York gestarrt hatte. Um mich herum zehntausende, mir völlig unbekannte Menschen, die hinter zehntausenden hell beleuchteten Fenstern wohnen, jeder lebt sein Leben, aber ich kenne niemanden und gehöre nicht dazu. In anderen Blogs habe ich gelesen, wie schnell man in NYC vereinsamen kann, so paradox das doch ist, bei so vielen Menschen auf kleinstem Raum. Ich selbst bin ein Mensch, der es sehr schätzt, in viele Systeme gut eingebunden zu sein und ich bin ungerne allein. Aber ich wusste, dass ich meine Komfortzone verlassen muss, um mich weiter zu entwickeln, dass ich auch mal (wieder) allein eine Sache bewältigen muss, ohne die Hilfe meines gewohnten sozialen Umfelds. Wenn ich diese anfänglichen ängstlichen Gedanken mit dem schmerzvollen Abschied von all den lieben Menschen vergleiche, die ich in NYC kennengelernt habe, muss ich im Nachhinein lächeln. Hier beziehe ich mich vor allem auf meine wundervollen Mitbewohnerinnen in den Webster Apartments. Nie hätte ich erwartet, in diesem aus der Zeit gefallenen Frauenwohnheim so gute Freundschaften zu schließen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass die männlichen Mitarbeiter im Haus einen Vertrag unterschrieben haben, dass sie nicht mit uns sprechen dürfen (!!!) und alle Flure mit genderbestärkenden Sprüchen beklebt sind („Don’t Forget to smile“ / „If I ever let my head down, it will be just to admire my Shoes“ / „Choose someone who Ruins your lipstick, not your Mascara“ – nur um eine kleine Kostprobe zu geben), habe ich mich hier wohlgefühlt.
Besonders das abendliche Zusammensitzen beim Essen, wo alle Freundinnen lebhaft von ihrem Arbeitstag berichtet haben, von all den Erfolgen und Misserfolgen, von den Ärgernissen und Ängsten, dem Leistungsdruck, den lustigen Geschichten, den misslungenen Online-Dating-Versuchen, wo wir unsere Wochenenden geplant haben (das Recherchieren von guten Restaurants hatte immer einen hohen Stellenwert), uns über die (Bahnhofs-)Straße, in der wir gewohnt haben (34th street) beschwert haben (dreckig, verrückte Menschen…), die männlichen Mitarbeiter unter Beobachtung genommen haben (insbesondere „Daddy“ und „Eyebrow“) – ich musste so oft Tränen lachen und bin trotz aller Erschöpfung glücklich in mein kleines Zimmer gegangen, so dankbar für diese Menschen, die mir das Gefühl gegeben haben, abends in ein Zuhause – innerhalb dieser großen, fremdem Stadt – zurückzukehren. Eine amerikanische Freundin schrieb mir am Ende, dass sie das Gefühl habe, dass ich ihre Schwester von einem anderen Kontinent sei, so verbunden fühle sie sich mit mir und so viele Ähnlichkeiten haben wir. Das ist vermutlich das Fazit – wir alle leben in einer ähnlichen Lebenswirklichkeit und sind konfrontiert mit ähnlichen Herausforderungen, wir lachen über die selben Dinge und teilen viele Sorgen. Genau das erkennen auch viele der Austauschschüler*innen von GAPP, deren Evaluationen ich betreut habe. Und das ist vermutlich auch der größte Gewinn eines Auslandsaufenthalts – die Erkenntnis, dass alle Menschen vielmehr verbindet, als dass sie trennt.


Trotzdem möchte ich auch nichts romantisieren. Ich habe Dinge in NY erlebt, die mich schockiert haben und noch lange in meinem Gedächtnis bleiben werden. Wie ich in meinem letzten Blogbeitrag beschrieben habe, widert mich das allein auf Leistung fokussierte System, das Menschen ständig an ihre Grenzen gehen lässt, an. Friss oder stirb. Zeig Leistung oder du bist am nächsten Tag auf der Straße. Passe dich an, kritisier nicht zu viel. Ellenbogen. Geld, Macht, Konsum, Aussehen. Das ist hier sehr wichtig, auf dieser Insel, auf der fast ausschließlich 20-40-Jährige leben. Auch die politische Spaltung ist (selbst in dieser liberalen Stadt) deutlich spürbar, wie schlimm muss es wohl in anderen Teilen der USA sein? Zwei Gruppen stehen sich unversöhnt gegenüber, entweder du bist konservativ oder du bist liberal. Viele Menschen in den USA erleben diese Zeit als die spannungsreichste, die sie je erlebt haben. Um konkrete Inhalte geht es hier schon lange nicht mehr, es ist eher eine Lebenshaltung, die oft weitervererbt wird, die starr ist und ein Leben lang nicht geändert wird. Gespräche gibt es nicht zwischen diesen Gruppen und diese Tatsache ist vermutlich das, was mich am meisten gestört hat. Diese Gelähmtheit, die Unfähigkeit, eine Diskussion über einen konkreten Sachverhalt zu führen, z.B. über Immigration. Das Gespräch wird im Keim erstickt, niemand möchte sich darauf einlassen, stattdessen wird lieber kurz ein unverfängliches Smalltalk-Gespräch vorgeschoben, dessen Floskeln so vorformuliert sind, dass man damit nicht anecken kann. „Provozierende politische Äußerungen“, das sei etwas „europäisches“, was allerdings oft als unhöflich wahrgenommen wird.
Ich bin froh, dass es z.B. das Goethe-Institut gibt, das es versteht, eine vermittelnde und dennoch klar Profil zeigende Rolle anzunehmen. Ohne zu provozieren, immer im Gespräch mit den unterschiedlichsten Menschen, wird hier Kulturarbeit betrieben. Ich bin dankbar, hier gearbeitet haben. Besonders gut gefallen hat mir, dass das Institut so präsent in der ganzen Stadt, nicht nur in Manhattan, agiert. Währen des Pride Months waren wir in Kontakt mit verschiedensten Künstler*innen und Aktivist*innen, sind beim Queer Liberation March mitgelaufen, während verschiedenster Deutsch- Workshops waren wir an Schulen in Brooklyn und in der Bronx, haben teilhaben dürfen an der Lebenswirklichkeit von stark benachteiligten Schüler*innen, durch GAPP war ich in Kontakt mit zahlreichen amerikanischen Lehrer*innen und weiß, was sie beschäftigt. Beim deutschen Spieleabend des Goethe-Instituts habe ich die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, von ehemaligen Obdachlosen, von Trump-Supportern, Firmenchefs, Menschen mit deutschen Vorfahren und Studierenden, die alle zusammen Deutsch lernen und dabei in einer Form zusammen kommen, wie sie es sonst nicht täten. So banal diese Momente erscheinen, so wichtig sind sie und so bedeutsam finde ich diese Art von Kulturarbeit. Nach diesem Praktikum fühle ich mich in dem, was ich studiere und was mir grundsätzlich wichtig ist, bestärkt.

Ein Freund hat mich letztens gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dauerhaft in NY zu leben. Und die Antwort lautet ganz klar nein. Wie oben beschrieben habe ich alle Eindrücke und Gespräche wie ein Schwamm aufgesogen, ich habe mich mit ganzem Herzen auf das unvergessliche Erlebnis eingelassen. Die Zeit hat mich offener und neugieriger, aktiver und selbstbewusster gemacht, ich weiß, dass ich vermutlich fast überall auf der Welt leben und mich einfinden kann, dass ich auch die Vorzüge einer Großstadt genießen und auskosten, mich dort erfolgreich bewegen kann. Aber ich empfinde die Lebensqualität deutlich höher an einem Ort, der nicht so hektisch, laut, überfüllt und schmutzig ist. Ich möchte abgesichert sein, z.B. im Bezug von Krankheit, Bildung und Politik. Ich möchte offen diskutieren können. Ich möchte näher an der Natur leben, ich kann sonst nicht zur Ruhe kommen. Und ich möchte in der Nähe meiner Familie sein, zumindest längerfristig. Wie wichtig mir all diese Faktoren sind, wusste ich schon davor, und sie sind mir nochmal bewusster geworden. Viele meiner amerikanischen Freundinnen empfinden ähnlich: du gehst in diese wilde, bunte Stadt, wirst Teil davon, entdeckst neue Seiten an dir, lernst so viele neue Lebenskonzepte kennen, die genau so möglich sind wie dein eigenes (wie Büchner es so schön in Worte fasst, die „vielen, gleichwertigen „Möglichkeiten des Daseins“), dann spült dich die Stadt wieder aus, deine Perspektive auf die Welt ist eine völlig neue, aber du bist dir bewusster, wer du selbst bist und wie du dein Leben gestalten möchtest.
Ich bin dankbar, einen solchen Lebensabschnitt erlebt zu haben.

































































