
Genüsslich beiße ich in einen Sesam-Bagel, der großzügig mit Frischkäse bestrichen und mit Räucherlachs belegt ist, während ich durch die Straßen des Stadtteils Williamsburg schlendere. Bagels haben definitiv das Potential, meine geliebten Brezeln zu übertrumpfen und sie sind das vermutlich bekannteste Gebäck New Yorks. In Williamsburg erhält man sie an jeder Ecke, denn Williamsburg (ein Teil des Stadtteils Brooklyn) ist vor allem jüdisch geprägt. Die ultraorthodoxe chassidische Gemeinde in New York ist die größte weltweit und hat ihren Ursprung in Osteuropa. Unverkennbar sind ihre Mitglieder, die Männer mit langen Gewändern und schwarzen Hüten (bei Regen mit lustigem Regenschutz alias Plastiktüte) und Perücke, die Frauen züchtig und bedeckt. Mitten in New York leben tausende Jüd*innen wie in einer anderen Zeit und verschließen sich vor allen modernen Entwicklungen wie Internet und Massenkonsum. Ehen sind meist arrangiert, oftmals haben Eltern 10 bis 15 Kinder, die Läden haben samstags am Sabbat geschlossen und die Ernährung ist streng koscher. Neben diesen ultraorthodoxen Jüd*innen haben sich im Zuge der Gentrifizierung die Großstadthipster breit gemacht, es reihen sich Vintageläden und Applestores aneinander, zwischendrin lugt wieder eine koschere Bäckerei hervor, jüdische Großfamilien genießen die Sonne und sitzen neben vollbärtigen Jutebeutelträgern in skinny Jeans, die wie wild auf ihr Macbook einhacken und eine Biolimo schlürfen.

Williamsburg ist nur ein Stadtteil von Brooklyn, das einer der fünf Stadtteile New Yorks ist und für sich genommen die viertgrößte Stadt der USA ist. Jede Gegend in New York ist so einzigartig und unterschiedlich, oft geprägt von den Immigrant*innen, die vor langer Zeit hier her kamen und sich hoffnungsvoll ein neues Leben aufgebaut haben. Nach 2,5 Monaten habe ich es kaum geschafft, die einzelnen Teile Manhattans zu erkunden: Die elitären Upper East und West Side Distrikte, mondän am Central Park gelegen, die Museumsmeile inklusive, dann das hektische Midtown, wo vor allem gearbeitet wird (hier wohnen wir), die alternativeren und hippen Stadtteile Chelsea, Greenwich Village und Soho, Chinatown, wo man sich wirklich fühlt, als wäre man nicht mehr in den USA, der stressige Financial District im Süden mit der Wall Street, die ebenfalls jüdisch geprägte Lower East Side, Harlem im Norden, wo vor allem afroamerikanische New Yorker*innen leben. Nur um mal die Stadtteile Manhattans aufzuzählen. Ihr seht, New York vollständig zu erkunden, ist ein Ding der Unmöglichkeit und genau diese Vielfalt macht die Stadt zu besonders. Das friedliche Zusammenleben von 170 verschiedenen Nationalitäten, das Respektieren von anderen Lebensgewohnheiten, das Aufeinander Achten, Grenzen überwinden, Kulturen verschmelzen und gemeinsam Neues wagen, das macht New York aus. Auch ich gehöre irgendwie ganz natürlich dazu, habe mich nie fremd gefühlt, es scheint, als ob jeder einen Platz hier hat.

Leider geht mein Sommer in dieser fantastischen Stadt langsam dem Ende zu. Vom Meer weht ein herbstlicher Wind, die Temperaturen sind bei angenehmen 26 Grad. Es ist Sommersale. Einige meiner Freundinnen reisen ab, ihre Praktika sind vorbei und das neue Semester geht an den amerikanischen Universitäten wieder los. Für unser erstes Abschiedsessen (weitere werden folgen) haben wir eine hippe Foodhall in Brooklyn gewählt, am unteren Ende der Brooklynbridge gelegen. Die spezielle Herausforderung des Abends war es, instagramtaugliche Abschiedsfotos unter der Brooklynbridge bei Sonnenuntergang machen, davor noch einen Tisch zu ergattern, zu essen und die Bedürfnisse 7 unterschiedlicher Mädels nach Eiscreme, Cookies, Lipgloss auftragen und Toilette zu befriedigen. Um die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen sind wir buchstäblich durch Brooklyn gehechtet und wir haben es auf die Minute genau geschafft.
Um ehrlich zu sein, die letzten beiden Wochen waren für viele meiner amerikanischen Freundinnen eine Zerreißprobe. Sie können bei weitem nicht so entspannt an ihre Praktika rangehen wie wir am Goethe-Institut. Auch wir geben natürlich unser Bestes, aber für uns hängt von diesem Praktikum nicht unsere Zukunft ab. Das mag jetzt dramatisch klingen, aber es ist tatsächlich so. Wenn man Studienschulden von einer halben Million Dollar abzuarbeiten hat, dann zählt nicht mehr viel, außer einen sehr gut bezahlten Job zu ergattern. Und dafür muss man sich im Praktikum besonders hervorheben, z.B. durch freiwillig, eigens ausgedacht Projekte und Präsentationen, die am Ende rein zufällig vorgeführt werden. Um in der Hauptstadt des Kapitalismus herauszustechen, bei hunderten von Praktikant*innen, aus denen die großen Firmen auswählen können, da reicht Selbstoptimierung schon seit Langem nicht mehr. Man muss wirklich ein starkes Selbstbild und Selbstbewusstsein entwickeln, das einen nach vorne bringt, Hauen und Stechen inklusive. Hier werden Adjektive wie „kompetitiv“ und „extrem leistungsorientiert“ als etwas Positives gesehen. Eine junge Investment Bankerin, die neben mir beim Abendessen saß, meinte, dass New York eine Stadt für „overly ambitious people“ sei, die „hungry for a career“ seien. Mir wurde hier schon die Frage gestellt, warum ich eigentlich so wenig ambitioniert sei. Da hat es mir ernsthaft die Sprache verschlagen und es hat mich lange beschäftigt. Es ist gewöhnungsbedürftig, dass in den USA die Geisteswissenschaften so überhaupt nicht wertgeschätzt werden, obwohl sie gerade hier, wo so wenig kritisch diskutiert wird, extrem wichtig wären. Hier bist so was, wenn du Hedgefont Manager, nicht wenn du Literaturwissenschaftlerin bist. Auch die Tatsache, dass wir ein unbezahltes Praktikum am Goethe-Institut machen, befördert uns schon in eine Art „Unterklasse“ im Vergleich zu den Praktikantinnen, die in großen Unternehmen bis zu 4000 Dollar monatlich verdienen. Es war sehr befremdlich für mich, dass meine Tätigkeit als so „minderwertig“ eingestuft wurde, weil ich wie schon erwähnt die Arbeit des Goethe-Instituts sehr bedeutungsvoll finde. Und ich würde mich selbst auch als ambitionierte Person einschätzen, die sowohl in der Schulzeit, als auch an der Uni immer 100 % gegeben hat. Aber alles, was kein großes Geld einbringt, was nicht mit Ellenbogen verbunden ist, das ist in den USA – naja, nicht so erstrebenswert. So sehr wie ich immer versuche, mich auf die Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Gesellschaft zu konzentrieren, so fällt mir hier ein riesiger Unterschied auf. Und ich habe mich ziemlich darüber geärgert, auch über dieses ständige andere Übertrumpfen und besser sein, auf Teufel komm raus. Dieses Vor-Sich-Her-Tragen von Wörtern wie „ambitioniert“, „zielgerichtet“ und „auf Karriere bedacht“ – aber was sind denn die Inhalte? Was sind die Visionen und Ziele? Ist es nicht automatisch so, dass wenn man eine große Leidenschaft für die Inhalte seines Berufes / Studienfachs entwickelt, das Beste daraus machen möchte, Ambitionen entwickelt? Dass man ganz natürlich gut darin sein möchte? Hier habe ich manchmal das Gefühl, dass das Konzept „Ambition“ und „Besser als andere“ im Vordergrund steht und erst nachträglich irgendwie, mehr oder minder erfolgreich, versucht wird, diesen Rahmen mit Inhalt zu füllen. Das fühlt sich für mich einfach falsch an.

Andererseits haben wir Deutsche gut reden. Wir haben quasi umsonst studiert und leben in einem Sozialstaat, der uns im Notfall mit Arbeitslosengeld und -wohnungen auffängt. In den USA kann der Weg vom Penthouse auf die Straße von einem Tag auf den anderen passieren und das ist keine leere Floskel. Es gibt tausende solcher tragischer Biografien, insbesondere in NYC. Es ist ein Leben in den Extremen, in einer Unsicherheit, die mir nur vom Zuschauen Angst macht. Als eine meiner engsten Freundinnen von einem Tag auf den anderen, ausgelaugt von der Angst, dass ihr Abschlussprojekt nicht überzeugen wird, an einer Lungenentzündung erkrankt und nicht krankenversichert ist, sind wir alle entsetzt. Alle Bemühungen waren umsonst, es ist nicht mal klar, ob sie überhaupt ein Abschlusszeugnis erhält. Sie möchte mit Lungenentzündung arbeiten gehen, wovon wir sie gerade noch abhalten können. Die Ärzte schicken sie nach der Diagnose wieder zurück in ihr 10 Quadratmeterzimmer in unserem Wohnheim, im Krankenhaus gibt es keinen Platz für Menschen ohne Versicherung, sie könnte es vermutlich nicht bezahlen, daher bekommt sie drei Breitbandantibiotika und Ibuprofen mit nach Hause, sie soll mal ausprobieren, was anschlägt. Ihre bitteren Tränen bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf. Einmal mehr bin ich dankbar für unser Sozial- und Gesundheitssystem in Deutschland, das einem eine so hohe Lebensqualität verschafft, dass man halbwegs sorgenfrei leben kann. Dass man auch mal krank sein darf. Dass man mal im Job fehlen darf. Dass man auch „nur“ 100 % anstelle von 150 % geben darf. Dass man ein Teamplayer sein darf, ohne den Job zu riskieren. Dass wir kritisches Denken wertschätzen. Dass wir rein kapitalistische Systeme eher mit Vorbehalt beobachten. Dass „kompetitiv“ nicht unbedingt das Wort ist, das man stolz vor sich her trägt, sondern sich eher mal überlegt, wie man sich im Rahmen seiner eigenen Persönlichkeit am Besten weiterentwickeln kann.
So aufwühlend wie diese Diskussionen auch sind, so wichtig sind sie für die eigene persönliche Entwicklung. New York fordert mich heraus, lässt mich die eigenen Vorstellungen neu hinterfragen, ermöglicht mir eine völlig andere Sichtweise auf mein eigenes Leben und formt und festigt mich dennoch weiter darin, wie ich leben möchte.

Ich wünsche euch eine gute Woche.


