Woche 9

Ihr Lieben,

auch wenn ich es mir in den ersten Tagen in NYC noch nicht verstellen konnte: Es hat sich so etwas wie ein Alltag in dieser wunderbaren, verrückten, sich vor Energie überschlagenden Stadt eingependelt. Mein Puls ist deutlich ruhiger geworden und ich habe nicht den andauernden Drang, Dinge in der Stadt unternehmen zu müssen, aus Angst, etwas zu verpassen. Stattdessen kann ich auch mal einen gemütlichen Sonntag Nachmittag im heimeligen Café „Amy’s Bread“ verbringen, mit meinen Freundinnen Cupcakes essen, Kaffee trinken und Gott und die Welt diskutieren.

Jeder Tag beginnt inzwischen ähnlich: Ich wache auf, skype mit meiner Mutter, dusche, ziehe mich halbwegs schick an (aber in letzter Zeit doch immer öfters mit Birkenstocks, weil die bei der Hitze einfach am bequemsten sind), fahre mit dem Aufzug 13 Stockwerke Richtung Frühstücksraum, hierbei stoppt zu dieser Hauptschlagszeit der Aufzug bei nahezu jedem Stockwerk, unten greife ich mir resigniert, da ungesund, 2 Scheiben Toastbrot, Peanutbutter und Erdbeermarmelade und sogenannten „skinny Yoghurt“, lasse mir noch resignierter eine kaffeeähnliche, ominöse Substanz, die aus einer tetrapackartigen Verpackung tröpfelt, in eine Tasse, setzte mich zu meinen Mädels, im Fernsehen läuft der „kommunistische Sender CNN“ (haha), der einen leider schon frühmorgens mit Trumps Gesicht konfrontiert, die Stimmung ist trotzdem ausgelassen und wie immer springen wir alle viel zu spät auf, um Richtung Arbeit zu eilen, Amelie und ich Richtung Goethe-Institut im Süden, davor noch kurz auf den Farmers Market auf dem Union Square, um ein „richtiges Brot“ ohne Zuckerzusatz für unser Mittagessen zu erstehen, dann eine schnelle Runde zum Supermarkt „Trader Joe’s“, um Käse und Obst und Müsliriegel zu kaufen, und wie immer trotz der Aussage „no bag, please“ gleich zwei Tüten zu bekommen, dann geht’s rüber zum Goethe-Institut, der liebenswürdige Pförtner begrüßt uns mit motivierenden Zurufen (z.B. TGIF! am Freitag), und voller Energie geht der Arbeitsalltag los. Vor allem meine quirrlige Mitarbeiterin Stephanie, die schon seit 30 Jahren für das German-American-Partnership-Program arbeitet und in New York lebt, und die meine direkte Sitznachbarin ist, ist mir ans Herz gewachsen, sie weiß alle Insider-Tipps, vor allem, wo man in NY günstig einkaufen kann (überlebenswichtig bei diesen Preisen), und meldet sich am Telefon des Öfteren mit „the one and only Stephanie“ (in Amerika geht so was).

Nach einem sehr erlebnisreichen und vielseitigen Juni (Pridemonth und Workshops an Schulen in Brooklyn und der Bronx) ist auch im Büro nun eine Art von Alltag eingetreten. Für alle, die es noch nicht wissen: Das German-American-Partnership-Program (GAPP) ist das größte bilaterale Austauschprogramm der USA mit einem anderen Land und wird finanziert vom deutschen Auswärtigen Amt, der Kultusministerkonferenz und dem amerikanischen State Department. Insgesamt 700 deutsch-amerikanische Schulpartnerschaften werden seit 1970 von GAPP betreut und finanziert. Mir macht die Arbeit hierfür nicht nur sehr viel Spaß, sondern ich finde das Programm, vor allem während dieser prekären politischen Zeiten, in welchen weniger global, aber wieder mehr national gedacht wird, sehr wichtig. Ich denke, dass alle, die schon einmal an einem Schüleraustausch teilgenommen haben, wissen, welche „Grenzen“ hier überwunden werden. Ich selbst denke so gerne an meine Zeit in Frankreich und den USA zurück, an Herzlichkeit, das Gefühl, Teil einer anderen Familie geworden zu sein, an Barbecue- und Whirlpoolparties, an SMores-Grillen, an Volleyballspielen – da hat sich bei mir eine Leidenschaft speziell für die USA schon früh entwickeln können, was bis heute anhält. Und auch die Besuche von meinen Austauschschüler*innen, bei uns im Akazienhain sind unvergessen, insbesondere Tracy’s legendäre Fußmassage, schwäbischer Käsekuchen mit Mehuls aus USA angereister Großfamilie bei uns auf der Terrasse, tränenreichen Abschiede und Freundschaften, die bis heute anhalten.

Da gerade viele amerikanische Schulklassen aus Deutschland zurückkehren, ist es meine Aufgabe, die Evaluationen der Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern auszuwerten und zusammenzufassen. Der wohl größte Erfolg ist die Erkenntnis, dass andere Jugendliche, selbst wenn sie von einem anderen Kontinent sind, „gar nicht so anders sind“. Dass man viel mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede erkennen kann. Und man sich vielleicht endlich von unnötigen Kategorien (und diesem ständigen „Kulturbegriff“) verabschieden kann. Besonders positiv empfinden es die Amerikaner*innen, dass in Deutschland so viel Wert auf Klimaschutz gelegt wird, viele sind nun motiviert, dies auch in den USA stärker zu verfolgen. Zudem lieben alle das deutsche Essen, vor allem Brot. Bewundernswert finden viele, wie viel Wert auf Bildung und insbesondere politische Bildung gelegt wird, und auch auf Fremdsprachen. Auch die Unternehmungen, z.B. ins Mercedes-Benz-Museum oder ins Rittersportmuseum, um mal Beispiele aus der Tübinger Gegend zu nennen, kommen gut an (letzteres kann ich auch sehr empfehlen, da kann man Gummibärchenschokolade in der Schokowerkstatt herstellen). Ein Kritikpunkt, der jedoch immer wieder auftaucht, und der mich beschäftigt, ist Folgender: Viele fühlen sich von den Deutschen vor den Kopf gestoßen, insbesondere wenn es um Politik geht. Dass Deutsche oftmals nahezu abfällige Bemerkungen über die USA machen, ohne aber genauere Details zu kennen, sondern dass eine allgemeine abwertende Haltung gegenüber den USA zur Schau gestellt wird. Und immer Europa als das Non-Plus-Ultra, mit seinen sozialen Strukturen, seiner „reichen Kultur“ und seinem „kritischen Denken“ dargestellt wird. Ich habe daraufhin mit meinen amerikanischen Freundinnen darüber diskutiert und auch sie haben diese Verhalten von vielen Europäer*innen bestätigt. Ein Kommentar einer Freundin ist mir in Erinnerung geblieben. Sie meinte: „Wenn ich in einem anderen Land zu Besuch bin, dann sage ich den Menschen, wie sehr ich das Essen und die Landschaft hier liebe, die Menschen, das ganze Land. Wenn andere Menschen in die USA kommen, dann zählen sie erst einmal auf, was sie hier alles schlecht finden (Plastikteller, ungesundes Essen, keine Krankenversicherung für alle, Donald Trump…). Das ist manchmal gar nicht so einfach, dass so viele Menschen von uns denken, dass wir völlig beschränkt sind“.

Ich möchte diese Geschichte einfach für sich stehen lassen, aber es ist eindeutig, dass noch ein weiter Weg gegangen werden muss und dass wir uns immer wieder vor allem selbst hinterfragen müssen, bevor wir andere hinterfragen. In den letzten zwei Wochen habe ich jedenfalls in vollen Zügen alles genossen, was ich in dieser Form nur hier erleben kann- vom Besuch eines Baseballspiels (mit viel Werbung), cremigen Schokocookies, Outletshopping, Besuch der Metropolitan Opera („Magic Flute“), Barbecueparty in unserem Wohnheim und Abende auf unserem Rooftop mit meinen wundervollen Freundinnen.

Ich hänge ein paar Bilder als Impressionen an. Habt eine gute Woche!

American Barbecue im Garten unseres Wohnheims
Bester Cookie meines Lebens!
Glückliche Katharina mit rosa Cupcake

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