Woche 3

Webster Girls

Hallo,

diese Woche bin ich Teil einer amerikanischen Girl-Gang geworden. Unsere Namen allein schon passen sehr gut zusammen: Haley, Kaley, Courtney und Kathi. Ich bin überglücklich, diese drei wundervollen Amerikanerinnen beim Frühstück in meinem Wohnheim kennen gelernt zu haben. Wir haben sofort einen guten Draht zueinander gefunden, ich wurde einem lustigen WhatsApp Chat hinzugefügt, indem alle andauernd ganz überschwänglich „Can’t wait to do XY“, „we must see XY“ oder „I‘ d love to XY“ schreiben. Und alle, wie auch schon in Ann Arbor, sind „super exited“ über alles, was passiert. Eine der Sachen, die ich am meisten an den Amerikaner*innen wertschätze, ist der nie enden wollende Enthusiasmus, der sich auch in der Sprache zeigt. Nichts ist je „okay“ oder „gut“, sondern „amazing“ und „fantastic“, man „mag“ nichts nur einfach, sondern man „liebt“ es und ein Ausruf der Verwunderung ist kein „oh!“, sondern ein „wow!“. Am besten gefällt mir der Ausruf „so fun!“, zu jeder Gelegenheit universal einsetzbar. „Ich mache ein Praktikum am Goethe Institut „- „so fun!“. „Ich komme aus Deutschland“ – „so fun!“. „Meine Familie lebt in Deutschland in einem kleinen Dorf“ – „so fun!“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Wortkombination selbst immer häufiger verwende. Uns Mädels verbindet jedoch nicht nur die optimistische Art, sondern auch die Liebe zum Essen. Es ist nicht einfach, Menschen zu finden, die genau so gerne essen wie ich und wenn ich welche finde, sind sie mir sofort sympathisch! Nachdem wir auf unserer Checkliste „Bilder für Instagram auf der Brooklyn Bridge machen, die so aussehen, als wären sie nicht gestellt“ abgehakt hatten, ging es weiter ins mitten in Manhattan gelegene Chinatown, wo man sich fühlt, als wäre man im weit entfernten China. Dort haben wir in einem für seine „Dumplings“ (gefüllte Teigtaschen) berühmten Restaurant alle möglichen Speisen probiert (natürlich erst nachdem wir uns mit kleinen Fläschchen, die alle in der Handtasche haben, die Hände desinfiziert haben). Es war fantastisch! Wir haben es geliebt! Es war fun!:) Natürlich haben wir nicht nur nur über Essen und Sightseeing gesprochen, sondern das Gespräch ging gleich viele Ebenen tiefer, wie haben über das amerikanische und deutsche Bildungssystem diskutiert, über die Art, wie unterschiedliche das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in den USA und Deutschland ist und was wir uns für unsere Zukunft wünschen.

Um wieder zum Essen zurück zu kommen: Der Nachtisch, den wir uns gegönnt haben, hat alles an bisheriger Geschmackserfahrung in meinem Leben gesprengt. Ich bin immer noch völlig k.o. Wir waren in einer Keksteigeisdiele (ein schönes Wort). Hier bekommt man anstelle von Eiscreme rohen Keksteig in verschiedenen Geschmacksrichtungen, z.B. in Schokoladenteig, Vanille, Keksstückchen, Nuss…Ich konnte nicht einmal ein Viertel der einen Kugel essen, das war so extrem süß und fettig, ich bin immer noch traumatisiert. Der Cookie Dough Shop ist übrigens der erste seiner Art, aber es wird sicherlich auch bald in Deutschland welche geben.

Soviel zum besonders spaßigen und entspannten Teil der Woche. Ich möchte noch ein anderes, sehr einprägsames Erlebnis mit euch teilen, das mich immer noch beschäftigt. Am Freitag hat das Goethe Institut eine Board-Game-Night (Brettspieleabend) veranstaltet. Hier können aktuelle Kursteilnehmer*innen in lockerer Atmosphäre Spiele spielen und währenddessen ungezwungen bei einem Glas Pfälzer Wein und Snacks Deutsch sprechen üben. Die Veranstaltung ist aber auch für die Öffentlichkeit gedacht – alle, die gerne Deutsch sprechen möchten, oder Brettspiele mögen oder einfach in Gesellschaft sein möchten, können hier her kommen. Wie manche von euch wissen, hasse ich Brettspiele. Ich bin nicht gut darin und Alex‘ und meine Freundschaft wäre eines Abends fast daran zerbrochen, weil ich anscheinend so schlecht gespielt habe und zum Verlieren unseres Teams maßgeblich beigetragen habe (:D). Interessiert hat mich daher nicht das Brettspiel, sondern vielmehr die Konstellation an Menschen, die an meinem Tisch zusammen saß: Ein goldiger Informatikprofessor, der schon mal vor 30 Jahren in Tübingen war, und in seiner Freizeit gerne deutsche Romane liest und im deutschen Buchclub des Goethe Instituts ist, meine Chefin, ein sehr lieber Obdachloser, ich – und der erste Mensch, den ich je live getroffen habe, der Donald Trump gut findet (weiß, männlich). Auch wenn ich natürlich immer wusste, dass es in Amerika viele Menschen gibt, die Trump unterstützen (immerhin ist er gewählter Präsident), habe ich bei keinem meiner USA-Aufenthalte je eine Person kennen gelernt, die ihn tatsächlich schätzt. Daher war dieses Erlebnis besonders schockierend. Er hat uns während des Spielens in allen Details seine Lebensgeschichte erzählt: Das ganze Leben gehänselt. Aus dem College geflogen. Job-Verlust, Tod der Frau. Obdachlos (hier in den USA oftmals die direkte Folge eines Jobverlustes). Das Leben wieder in die Hand genommen. Deutsch gelernt, da die Vorfahren aus Deutschland ausgewandert sind und die Sprache einem bessere Jobmöglichkeiten beschafft. Universitätsabschluss. Jetzt wieder arbeitslos. Aber fleißig am Deutsch lernen. Zukunft aber ungewiss. Eigentlich war ich davon beeindruckt, wie er sich immer wieder hochgekämpft hat und wie ambitioniert er Deutsch lernt. Aber als wir über Fernsehsender gesprochen haben, ist er auf einmal politisch geworden und hat den Sender CNN als kommunistisch bezeichnet. Als Fake News. Dann hat er direkt angehängt, dass er seinen Präsidenten gut findet, dass er der Einzige sei, der was für „Leute wie ihn“ tue. Mir hat es kurz die Sprache verschlagen. Ich bin wütend geworden und wollte ihn erst einmal fragen, wie er denn genau „kommunistisch“ definiert beziehungsweise ob er denn nicht sieht, was für eine rassistische, sexistische, Weltfrieden gefährdende (Liste kann noch sehr lange weiter geführt werden) Person er da gerade lobt. Aber die Situation wurde kurzerhand und elegant von dem freundlichen Informatik-Professor entschärft, der schlagartig ein vollkommen anderes Thema angeschnitten hat, sodass ich erst einmal verwirrt war. Später habe ich mich erinnert, in einer Broschüre über „kulturelle Unterschiede“ (was auch immer das sein soll) gelesen habe, dass man in den USA besser nicht über Politik redet, dass das sogar unhöflich sein könnte. Damals bin ich ganz schön über diesen Punkt gestolpert – warum soll man denn nicht über Politik diskutieren? In Deutschland macht man das doch andauernd und es ist essentiell wichtig für eine lebendige Demokratie. Hier, so haben es mir die Mädels vorhin erklärt, seien die Fronten zwischen Demokraten und Republikanern so verhärtet, dass es kaum Sinn mache, noch miteinander zu diskutieren. Jeder bleibe sowieso bei seinem Standpunkt.Und einem Menschen wie dem Besucher unseres Spieleabends, der ein schweres Leben hinter sich hat, würde ich, eine (idealistisch denkende?) europäische Studentin wohl wenig erzählen können. Aber heißt das, dass ich einfach schweigen soll? Gerade als Studentin der Geisteswissenschaften werde ich andauernd ermutigt, ein Freigeist zu sein. An einer besseren, kritischeren Gesellschaft mitzuwirken. Aber wo bewirken meine Gedanken etwas, und wo nicht, wo bewirken sie vielleicht sogar das Gegenteil, nämlich eine noch größere Distanzierung? Wie kann man am besten Grenzen überwinden, anstelle neue aufzuziehen? Wann soll ich sprechen und wann lieber nicht? Als ich nachts um 11 die Straßen von Manhattan Richtung Webster Apartments entlang gegangen bin, langsam, weil die Woche so anstrengend war, bewusst die kühle Abendluft einatmend, da war ich sehr nachdenklich.

Ich wünsche euch eine wunderbare Woche!

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