Hallo ihr Lieben,

nein, ich habe mich nicht verlobt. Aber ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Nagelstudio und ich möchte dieses banale Erlebnis mit euch teilen. Als ich meiner Mutter von meinem Gang ins Nagelstudio erzählt habe, hat sie laut losgelacht. So sehr ich schöne Kleidung liebe, so wenig befasse ich mich normalerweise mit Make-Up und Nagellack und Hairstyling. Aber in New York gehen quasi alle Frauen, von den Upper East Sider Ladies bis zu meinen amerikanischen Freundinnen zum Nägelschneiden und Lackieren ins Nagelstudio. Meine Freundinnen meinten letztens, dass es keine schönere „Self-Care Time“ gäbe, als Samstag morgens im Nagelstudio zu sein. Meine Self-Care Time besteht eigentlich darin, mal ausnahmsweise einen zweistündigen Mittagsschlaf zu machen oder eine Packung Gummibärchen zu essen, aber ich bin ja jetzt in New York und möchte an der Lebenswirklichkeit der Menschen hier teilhaben. Daher habe ich nach einer erlebnisreichen Arbeitswoche mit vielen Überstunden (wir waren vom Goethe Institut beim Pridefest, das dem Christopher Street Day ähnelt, vertreten) tatsächlich ein Nagelstudio betreten. Die giftige Welle an Nagellackgeruch, die mir entgegen schlug, hat mich erst einmal kurz überlegen lassen, ob ich schnell die Flucht ergreifen sollte, aber schon wurde ich von einer freundlichen Dame mit Atemschutz eingefangen. Aus über 200 verschiedenen Sorten Nagellack durfte ich mir eine Farbe aussuchen (ich war leicht überfordert) und dann ging es los: Feilen, eine Tinktur hier, ein Cremchen da, Handmassage (herrlich), mehrere Male die Nägel lackieren. Um mich herum lauter andere Frauen, junge und alte, alle vereint in ihrer glückseligen Erwartung von schönen, gepflegten Händen und Füßen. Manche Frauen halten ihre müden Füße in Becken, in denen Fische schwimmen, die die tote Hornhaut abknabbern. Ich habe davon schon gehört, aber es entsetzt mich aufs Neue. So. Eklig. Die armen Fische. Mit meinen Nägeln bin ich zufrieden, es war nett, dass ich mich einmal nicht selbst darum kümmern musste. Aber dafür 15 Dollar zu bezahlen, das lohnt sich einfach nicht. Wenn man so was einmal anfängt, dann kann man nicht mehr damit aufhören, erzählen meine Freundinnen. Man möchte dann nämlich nicht nur Maniküre, sondern auch Pediküre machen lassen. Und Zähne bleichen. Und die Haut behandeln lassen. Und irgendwann kommen dann vielleicht die Schönheitsoperationen. In New York haben viele Menschen sehr viel Geld und vor allem die Frauen zahlen viel dafür, gut auszusehen. Das ist nicht meine Welt, nachdem ich meine Hände 10 Minuten unter ein ominöses Trockenpustegerät gehalten habe, verlasse ich das Nagelstudio, atme tief die frische Luft ein und beginnen mit der echten „Self-Care-Time“. Am Washington-Square-Park sitzen, im ehemaligen Künstlerviertel „Greenwich Village“, und Menschen beobachten. Ich bitte eine Frau, ein Foto von mir zu machen, und es stellt sich heraus, dass sie professionelle Fotografin ist. Typisch Village, hier sind viele kreative Menschen unterwegs. Sie schraubt einen zusätzlichen Aufsatz auf meine Kamera und macht ein Bild, das mir gut gefällt, es fängt ein, wie fröhlich ich an diesem Tag bin.
Greenwich Village liegt in Downtown Manhattan, es ist einer der Teile, die keine Wolkenkratzer haben, was geradezu wohltuend ist. Überall gibt es kleine individuelle Shops, wie zB den „unoppressive, non-imperialist bookshop“, es gibt Falafelläden (ungewöhnlich in den USA), überall hängen Regenbogenflaggen, die Menschen sind entspannt und ich bin es auch.
Ein anderes Erlebnis diese Woche war sehr eindrücklich für mich. Ich war heute in einem Gottesdienst. Nachdem ich als 15-jähriges Mädchen völlig verstört aus dem „Gottesdienst“ einer Pfingstlergemeinde in Ohio getaumelt bin, in den mich meine Gastfamilie mitgenommen hatte, verschreckt von den ekstatischen Schreien und Herumwälzen von Menschen auf dem Boden, Zungenreden und sonstigen angeblichen Wirkungen des Holy Spirit, habe ich in den USA keine Kirche mehr betreten. Wie ihr wisst, stehe ich vielen Dingen in der (amerikanischen) Kirche sehr kritisch gegenüber, vor allem in den evangelikalen/charismatischen Gemeinden hier stört mich besonders die politische Dimension, die mit dem Verbot von eigenständigen Denken einhergeht. Es gibt nur wenige Gemeinden, in denen ich mich zu 100% wohl fühle, so wie in meiner Heimatgemeinde in Rohrau oder im evangelischen Stift in Tübingen. Meine Freundin Haley, mit der ich bisher viel über unseren Glauben diskutiert habe, hat mich jedoch eingeladen, mit ihr in den Gottesdienst einer presbyterianischen Gemeinde an der Upper East Side zu kommen. Da ich sie als sehr reflektierte Gesprächspartnerin und als quer denkende Person wahrgenommen habe, dachte ich, dass ich vielleicht noch einmal einen Versuch wagen kann. Und New York ist ja auch nicht Ohio. Und Presbyterianer sind keine Pfingstler. Und tatsächlich – der Gottesdienst hat mir unglaublich gut gefallen. Nicht nur die Tatsache, dass die Kirche alt und wunderschön gelegen am Central Park eine besondere Atmosphäre verströmt, sondern auch die Musik hat es mir angetan. Ein Chor, Harfe, ein Streichquartett. Klassische Musik, Choräle, keine nervtötenden, bedeutungsleeren Worshipsongs. Liturgie, die unserer ganz ähnlich ist. Eine gute Predigt, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Abendmahl. Ein Friendensgruß, den ich zu spät als einen solchen identifiziere und zu allem Menschen „Nice to meet you“ anstelle von „Peace be with you“ sage (peinlich!). Alle haben wunderbare Kleider an und haben sich herausgeputzt. Nach dem Gottesdienst gibt es Refreshments und Brunch. Ich fühle mich tatsächlich bestärkt, ich bin in all dem Trubel der letzten drei Wochen zum ersten Mal wirklich zur Ruhe gekommen, habe über mich und mein Leben und meine Mitmenschen bewusst nachgedacht und mir neue Ziele gesetzt, mich wieder angespornt, das Beste aus allem, was mir geschenkt wurde, zu machen. Den Sonntag haben wir im Central Park ausklingen lassen, es war wie im Bilderbuch. Ich blicke positiv in die neue Woche.
Liebe Grüße an euch!






