
Vor wenigen Jahren hätte ich vermutlich nicht im Entferntesten gedacht, dass ich im Jahr 2019 auf dem Queer Liberation March mitlaufen werde, bei sengender Mittagshitze mitten auf der 6th Avenue durch Manhattan, mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Queer as German Folk“, aber genau das ist gestern passiert. Den Sprechgesang: „What do we want? – QUEER LIBERATION! When do we want it? NOW!“ bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Vermutlich habt ihr in der Tagesschau beobachten können, was für ein Spektakel sich dieses Wochenende in New York geboten hat.
Vor 50 Jahren haben sich homo- und transsexuelle Menschen in der New Yorker Christopher Street in der berühmten Kneipe „Stonewall Inn“ gegen willkürliche und homophobe Polizeigewalt gewehrt. Ein Jahr später fand der erste „Christopher Street Day“ statt, welcher inzwischen auch weltweit verbreitet gefeiert wird. Es wird nicht nur die Stonewall Aufstände erinnert, sondern vor allem auch für die Rechte der LGBTQI Community und gegen deren Diskriminierung und Ausgrenzung protestiert. Da die berühmten Stonewall Riots nun ihr 50jähriges Jubiläum feiern, wurde dies zum Anlass genommen, um den weltweit größten Protestmarsch in New York zu veranstalten. Am Wochenende waren vier Millionen Menschen hierfür angereist. Vier Millionen. Toll, dass sich so viele Menschen, egal ob hetero- oder homosexuell, solidarisiert haben und für LGBTQI Rechte auf die Straße gegangen sind.

Fotocredit: Goethe Institut New York
Schon den ganzen Monat über war New York geprägt vom „Pride Month“ – ganze 30 Tage wurden zum Anlass genommen, die LGBTQI Community in den Vordergrund zu rücken und auf ihre Diskriminierung aufmerksam zu machen. In New York gab es allein 400 Veranstaltungen, z.B. Podiumsdiskussionen, Filmabende und Theater-Aufführungen. Auch das Goethe Institut hat sich stark eingebracht, wir haben den Monat über in unserem Institut eine Ausstellung namens „Queer als German Folk“ in Kooperation mit dem Schwulen Museum in Berlin beherbergt, die vor allem die deutsche Geschichte der LGBTQI Community darstellt, aber wir waren auch auf diversen Pridefesten vertreten, partyartigen politischen Veranstaltungen, wo das Queersein im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert wurde. Ich finde es sehr gut, dass das Goethe Institut, das immerhin eine Regierungsorganisation ist (vom Auswärtigen Amt finanziert), so klar (politisch) Profil und Solidarität zeigt und das nicht nur im Bezug auf LGBTQI Rechte.

Foto Credit: Goethe Institut New York
Neben all diesen tollen differenzierten Veranstaltungen gibt es dann auch noch H&M, Starbucks und MacDonalds, die sich während des Pridemonths pro forma eine Regenflagge in ihr Schaufenster hängen und darauf hoffen, damit größeren Profit machen zu können. Nahezug jeder Laden in New York war auf einmal Teil des Pridemonths. Überall würde mit Pride-Rabatten gelockt, über war Pride, Pride, Pride. Dass Pride aber mehr ist , als eine Regenbogenflagge aufzuhängen und vor allem, dass Pride nicht nur heißt, die Queerness öffentlich darzustellen, sondern in Gedenken an Stonewall weiterhin aktivistisch zu sein, das scheinen diese Konzerne zu ignorieren. Dass die Gleichberechtigung der LGBTQI Community noch lange nicht erreicht ist, darauf muss ich hier gar nicht eingehen, das wisst ihr alle. Man muss nur die evangelische Landeskirche anschauen, die keine gleichgeschlechtichen Paare segnen möchte. Oder noch drastischer: Die Tatsache, dass transsexuelle Menschen in Brasilien im Durchschnitt nur 25 Jahre alt werden. Entsetzliche Dinge, mit denen ich mich als heterosexuelle Frau nicht direkt konfrontieren muss, was aber nicht heißt, dass nur weil ich nicht betroffen bin, ich einfach weggucken kann.

Leider ist der World Pride March, der gestern in New York stattgefunden hat, ein Produkt genau dieser oben beschriebenen Kommerzialisierung – und wie uns einige der LGBTQI Aktivist*innen, mit denen wir während des Pride Months zusammen gearbeitet haben, beklagen, eine große Party, die eher einem Karneval, einem Freudenfest ähnelt, das das Gefühl vermittelt, dass alle Probleme gelöst wurden und sehr wenig mit den politischen Stonewall Aufständen vor 50 Jahren zu tun haben. Daher wurde vormittags von Aktivist*innen ein alternativer Marsch, der „Queer Liberation March“ veranstaltet, an dem wir uns auch als Goethe Institut beteiligt haben.
Auch wir sind in der berühmten Christopher Street gestartet und bis zum Central Park gegangen, aber der Protest war um einiges politischer. Es wurde nicht nur für LGBTQI Rechte protestiert, sondern auch gegen Schusswaffen, gegen den Kapitalismus, für Feminismus, für BlackLivesMatter, sexualisierte Gewalt gegen Frauen (z.B. MeToo), gegen Trump und vieles mehr. Und es war sehr friedlich. Eigentlich bin ich keine Person, die auf Demonstrationen geht, aber das hier war etwas Besonderes. Immer wieder kam man mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch, 90-Jährigen und Kindern, Menschen aus allen Ländern aus den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen. Viele habe uns auf unsere T-Shirts angesprochen und wollten wissen, was es damit auf sich hat. Und ein Moment war besonders eindrücklich, ich werde ihn mein Leben lang nicht vergessen. Es gab eine spontane (oder inszenierte?) Schweigeminute, die nicht von irgendjemand angekündigt wurde. Aber auch einmal wurde alles still. Alle sind stehen geblieben, alle Musik war aus. Noch nie habe ich in New York, das die lauteste und anstrengendste Stadt ist, die ich kenne, eine solche Ruhe erlebt. Es war schon fast spirituell, so als würde die Welt kurz die Luft anhalten. Niemand hat sich bewegt, alle sind in Solidarität verharrt und auf einmal war die Stille vorbei, so als hätte jemand ein Zeichen gegeben und die Menschen haben gejubelt und gepfiffen, gesungen und geschrien. Das war einfach unglaublich. Ich kann es schwer beschreiben.

Foto Credit: Goethe Institut New York.
Ich bin sehr dankbar über solch intensive Erlebnisse, die diese Stadt und dieses Praktikum möglich machen. Ich habe das Gefühl, mich hier stark weiterzuentwickeln.
Gestern nach dem Marsch, nach einem mittelschweren Sonnenstich und Dehydration, einem zweistündigen Mittagsschlaf war ich dann wieder sehr angepasst und habe um das wohl am meisten auf Instagram vorkommende Foto gebeten, das man in New York machen kann. Und habe es auf Instagram gepostet. Eine echte Revolutionärin bin ich wohl doch noch nicht:D

Ich sende euch ganz liebe Grüße und hoffe, dass ihr gut in die neue Woche gestartet seid!