
Spätestens als ich mit dieser Dekoration, die nur schwer an Hässlichkeit zu überbieten ist, im Speisesaal meines Wohnheims konfrontiert wurde, musste ich mich mit den nahenden 4. Juli auseinandersetzten. Dem amerikanischen Nationalfeiertag, auch Independence Day genannt. Gefreut habe ich mich, nach fünf anstrengenden Arbeitswochen auf einen freien Tag, aber ich habe auch Verunsicherung verspürt, wie ich mit dem Feiertag umgehen soll, der ein einziges patriotisches Spektakel ist. (Amerikanischer) Patriotismus ist weit entfernt von meiner Lebenswirklichkeit in Deutschland – mich stören schon Deutschlandflaggen bei Fußball-WMs. Doch hier ist der Umgang mit Patriotismus ein völlig anderer. Die meisten Schulen haben immer noch die „Pledge of Allegiance“ als Morgenritual – alle Schüler*innen versammeln sich vor der amerikanischen Flagge und sprechen mit der Hand auf dem Herzen: „Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.“ Jeden Morgen – das muss man sich mal vor Augen halten. Völlig unvorstellbar für uns in Deutschland.
So gerne ich ich die zahlreichen Menschen mit „Land of the Free“ – T-Shirts gerne in eine Diskussion verwickelt hätte, wie „frei“ die USA wirklich sind (sehr wenig bis gar nicht?), habe ich es nicht gemacht. Ein wichtiger Lernprozess bei Auslandsaufenthalten ist es, manche Dinge in dem neuen Land einfach stehen zu lassen und zu akzeptieren. Stattdessen habe ich mich auf das konzentriert und eingelassen, was ich hier in den USA so liebe und jeden Tag genieße: Die Menschen, im speziellen meine amerikanische Mädels-Clique. Am 4. Juli -Wochenende habe ich sie „gefeiert“, für ihre Lebenslust, ihre nie enden wollende Energie, ihren ansteckenden Optimismus, ihren Tatendrang. 50 % geben? Fehlanzeige! Mittagsschlaf? Nie! Halbe Sachen? Auf keinen Fall! Diese Art, das Leben zu gestalten, ist für mich „typisch amerikanisch“ (falls es so etwas überhaupt gibt), ich habe es bei allen Aufenthalten in den USA erlebt, bei den unterschiedlichsten Menschen, in Ann Arbor an der Uni, in New York in der Arbeitswelt, bei einer Konzertreise, beim Leben in Gastfamilien, auf Reisen. Die Menschen, die ich in den USA kennen gelernt habe, versuchen immer das Beste aus ihrem Leben zu machen und innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen, die oft nicht einfach sind, alles zu geben. Hiervon lasse ich mich täglich mitreißen.
Zum Beispiel als wir bei 35 Grad und 90 %iger Luftfeuchtigkeit, nach 8 Stunden Arbeit und Abendessen noch losgezogen sind, um für den Strandtag, den wir für den 4. Juli geplant haben, massenhaft Snacks und „cute swimsuits“ zu kaufen. Die Devise war, am 4. Juli auf jeden Fall „cute“ auszusehen, wer weiß, wem man am Strand begegnet. Und Snacks zu essen! Ich war so erschöpft, dass ich eigentlich direkt ins Bett wollte, aber ich bin doch mitgekommen. Entsetzt musste ich feststellen, dass die Mädels ausgerechnet in den Laden „TJ Maxx“ wollten, ein riesiges Discounter Kaufhaus, das von oben bis unten vollgestopft ist mit Allem. Von Kleidung bis Einrichtung bis Lebensmitteln. Ein Laden, den ich vielleicht betreten würde, wenn ich lange ausgeschlafen oder einen spontanen Energieschub verspürt hätte. Aber mit geballter Frauenpower haben wir dann doch gründlich und ausdauernd die Regale durchforstet. Und Badeanzüge anprobiert. Uns gegenseitig Feedback gegeben. Und alle haben was richtig „Cutes“ gefunden! Beim Einkaufen der Snacks, die im Sonderangebot waren, ist die Gruppe dann mal wieder richtig eskaliert (habe ich schon erwähnt, wie sehr uns die Liebe zum Essen verbindet?) Während ich verzückt festgestellt habe, dass es meine amerikanischen Lieblingsgummibärchen mit extrem künstlichen Wassermelonengeschmack in einer extragroßen Packung gibt, haben meine Freundinnen mehrere Tüten Chips, Cracker, Nüsse und Popcorn erstanden. Die Snacks für fünf Mädels waren letztendlich so schwer, dass sie in mehrere Plastiktüten (Reißgefahr) gepackt werden mussten. Das war schön.
Wie immer waren wir völlig „excited“ über den Funday, den wir am Feiertag auf der Insel „Long Island“ verbringen wollten. Mit unseren neuen Badeanzügen, luftigen Sommerkleidern und -hüten ausgestattet, abwechselnd die schwere Snackstüte schleppend, haben wir uns vom Wohnheim zum Bahnhof aufgemacht, von dort sind wir eine Stunde zum Strand gefahren.
Es hat so unfassbar gut getan, die Augen gen Horizont zu richten, ohne dass direkt vor einem ein Wolkenkratzer aufragt. Meerluft anstelle von verschmutzter, stickender New Yorker Luft zu atmen. Schuhe auszuziehen, ins Meer zu waten. Luft an den Körper zu lassen, keine „anständige Arbeitskleidung“ zu tragen. Schon gleich zu Beginn sind unvermutet sechs Delfine am Strand entlang geschwommen, sie haben so fröhlich ihre Bögen geschwommen, dass wir noch glücklicher wurden. Wir haben in einer Strandbar leckere Avocado-Tacos gegessen, gelesen, ein Shooting für Instagram gemacht (wichtiger Bestandteil jeder Aktivität), die neuesten Tinder-Dates analysiert und geplant, über unsere Lieblingssongs von Taylor Swift diskutiert (in der Tat: es gibt noch andere Menschen, die Taylor Swift mögen!) und uns den schlimmsten Sonnenbrand überhaupt zugezogen. Aber das ist egal, der Tag war einmalig schön.

Die Mädchen geben mir hier in dieser Stadt, die so unglaublich anonym ist, das Gefühl, zuhause zu sein. Vielleicht erinnert ihr euch an meinen ersten Blogeintrag, in welchem ich von meinem ersten Abend in NYC berichtet habe. Ich stand auf dem Rooftop unseres Wohnheims und war überwältigt von der nächtlichen Kulisse. Aber auch ängstlich und einsam. Ich habe tausende von kleinen, beleuchteten Fenstern um mich herum gesehen, hinter denen sich lauter Leben abspielen, zu denen ich nicht gehörte, und von denen ich nichts wusste. So viele Menschen hier auch auf kleinstem Raum leben, so wenig wissen sie voneinander. Daher bin ich so unglaublich froh, so viel Anschluss zu haben (auch auf der Arbeit). Das Rooftop ist nun ein ganz anderer Ort für mich. Wenn sich auf den Stockwerken die Hitze staut, ein anstrengender Arbeitstag sich dem Ende neigt, die Sonnen über dem nahegelegenen Hudson River untergeht, die Stadt langsam ein wenig ruhiger wird, dann ist das der Ort, wo man Ruhe findet. Geduscht, in Jogginghose, College T-Shirts und Plüsch-Flipflops (die gibt es bei uns in Deutschland gar nicht), mit Macbook und Handy in der Hand, Cola Light und Popcorn ausgestattet, ist hier noch Raum für Gespräche und Zeit für sich allein. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass ich noch nie in meinem Leben so viel Popcorn gegessen habe. Meine neue Lieblingssorte ist „White Cheddar“. In genau diesem Setting sitze ich in diesem Moment, in welchem ich diesen Blogeintrag schreibe. Mein Blick schweift über New York und ich bin überglücklich, hier zu sein.

