Woche 7

Ihr Lieben,

wenn in New York City, der Stadt, die immer und überall leuchtet, auf einmal das Licht ausgeht, dann ist das etwas sehr Beunruhigendes. Genau das durften wir diesen Samstag Abend erleben, als für ganze 5 Stunden der Strom auf der gesamten Westseite von Manhattan ausgefallen ist. Gegen 19 Uhr, als ich gemütlich auf meinem Bett lag und „Der Bergdoktor“ geschaut habe (was macht NY aus mir?), sind zuerst mit einem Schlag alle Lampen in meinem Zimmer ausgegangen, dann mein Ventilator (Hilfe!) und dann ist meine Serie nicht mehr weitergelaufen, weil das WLAN nicht mehr funktioniert hat. Ein Blick aus dem Fenster hat gezeigt, dass alle umliegenden Häuser ebenfalls keinen Strom mehr hatten. Eigentlich beschwere ich mich immer, dass die gegenüberliegenden Wolkenkratzer der „Hudson Yards“ nachts in mein Zimmer leuchten, aber jetzt, wo alles um mich herum stockduster war, bin ich wirklich erschrocken. Als ich die mobilen Daten meines Handys aktiviert habe, habe ich gelesen, dass meine Freundin Kaley bei uns im Haus im Aufzug stecken geblieben ist und unter Todesangst gelitten hat. Ich habe die Taschenlampe meines Handys aktiviert und bin – wie im Krimi – auf den Gang geschlichen. Um die Ecke kam eine andere Bewohnerin geschlichen und wir haben uns gegenseitig total erschreckt und laut gekreischt. Es gab nicht mal ein Notfalllicht bei uns im Flur, also waren da auf einmal lauter Handytaschenlampen, die sich Richtung Dachterrasse vorgekämpft haben. Der Blick auf die Stadt kann einfach nur als gespenstisch beschrieben werden. Die Tatsache, dass man überhaupt nicht wusste, wie lange der Strom ausfallen würde, war ziemlich beunruhigend. In Deutschland hab ich das nie länger als 5 Minuten erlebt, aber hier waren es 5 Stunden. Restaurants mussten ihr Essen wegwerfen. U-Bahnen konnten nicht mehr fahren. Alle Broadway Shows mussten abbrechen. Hunderte Menschen saßen in Aufzügen fest und mussten von der Feuerwehr gerettet werden. Verkehrschaos. Alle haben noch viel wilder als sonst gehupt und ein Teil der US Army kam angerückt, um den Verkehr zu regeln. Besonders beunruhigend war die Nachricht, dass auf den Tag genau vor 41 Jahren in New York ein 25-stündiger Stromausfall war, bei dem es zu zahlreichen kriminellen Taten kam, zu Plünderungen und Überfällen. Es gab natürlich schon wieder etliche Verschwörungstheorien. Man soll das Haus nicht verlassen, nicht U-Bahn fahren, hieß es nun. Wir jungen „unmarried working-women“ gleich zweimal nicht, so nahe wie wir am Bahnhof „Penn Station“ wohnen. Nachdem mein Laptop seinen Geist aufgegeben hatte und auch mein Handy, habe ich mich resigniert, ohne abendlichen Snack (der Snackautomat ging auch nicht mehr) im Dunkeln in mein Bett gelegt und bin tatsächlich eingeschlafen. Geweckt wurde ich um 24 Uhr, als auf einmal plötzlich alle Lampen angesprungen sind und mein Ventilator wie wild gebrummt hat, ganz glücklich darüber, dass er wieder zum Leben erweckt wurde. Es hat mich ernsthaft schockiert New York so zu erleben, was so ein Stromausfall mit einer Stadt macht. Man hat aber laut und deutlich den Jubel von den Straßen vernommen, wo Menschen für die Techniker*innen geklatscht haben und sich bedankt haben, dass es nun wieder Strom gab. In der Zeitung habe ich gelesen, dass viele Künstler*innen, vor allem am Broadway, spontan ihre Vorführungen auf die Straßen verlegt hatten, es soll wie ein Festival in manchen Stadtteilen gewesen sein. Das liebe ich so an New York – viele Menschen versuchen, das Beste aus jeder Situation zu machen.

Blick vom Rooftop.

Am nächsten Tag ging es mit noch mehr Adrenalin weiter. Um einem Tag der Großstadt zu entkommen und meine Gedanken zu sortieren, ohne andauernd in Gesellschaft zu sein (ja, manchmal brauche selbst ich das), bin ich in den nördlichen Teil des Staates New York gefahren – mit einem gemütlichen, altmodischen Zug entlang des Hudson River. Dieser hat lauter junge New Yorker*innen, die sich nach der Natur sehnen, an einer ominös klingenden Haltestelle „Breakneck Ridge“ im Nirgendwo im State Park „Hudson Highland“ aussteigen lassen. Als ich das Schild „This is not Just a Walk in a Park“ gelesen habe, musste ich erst lachen, aber als ich weitergelesen habe, dass der Breakneck Ridge Trail nur für „experienced Hikers“ sei und eine „excellent physical condition“ fordere, musste ich schlucken. Erfahren bin ich zwar halbwegs beim wandern, aber meine körperliche Kondition würde ich nicht unbedingt als exzellent beschreiben. Vor allem nicht nach all den Wochen in einem Bürojob, ohne mein drei mal wöchentliches Zumba-Training. Auf einmal ist mir aufgefallen, dass alle um mich herum sportlich aussehen. Ich habe mir gut zugesprochen und gesagt, dass ich auch sportlich aussehe, außer vielleicht mit meinem cremefarbenen Mädchenrucksack aus Kunstleder. Einer der Park Rangers hat mich leicht alarmiert gefragt, ob ich plane, alleine zu wandern, und ich habe bejaht und die Herausforderung angenommen. Um es kurz zu machen: Der Wanderweg war eine der krassesten körperlichen Erfahrungen, die ich je gemacht habe, ich wirklich an meine Grenzen gekommen. Der Weg war kein Weg, sondern quasi eine Kletterwand, die man ohne Sicherung hochklettern musste. Oftmals auf allen Vieren. Ständig musste ich überlegen, wie ich den nächsten Schritt mache. So viele Menschen sind umgedreht, es war auch so schrecklich heiß.

Einmal hing ich wie ein Mehlsack in der Felswand fest und kam nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Da habe ich versucht, in möglichst selbstbewussten Tonfall „Help!“ zu rufen und meinen Stolz nicht ganz zu verlieren, aber es war vermutlich ziemlich piepsig und verzweifelt. Zum Glück hat mich eine Wandergruppe von jungen Männern als Colorado heldenhaft gerettet und mich ein Stück hochgedrückt beziehungsweise gezogen. Mit ihnen bin ich noch eine ganze Weile geklettert, aber sie waren einfach viel schneller als ich, daher habe ich ihnen gesagt, dass sie ohne mich weiter sollen (ein dramatischer Moment). Ihr Gentleman-Tum hat ihnen das erst nicht erlaubt, aber ich konnte sie noch davon überzeugen, hinter mir kamen ja noch viele andere Menschen, die mich retten könnten. Der Weg wollte wirklich kein Ende nehmen und meine Beine und Arme waren schon völlig aufgeschürft, dann auf einmal habe ich eine Amerika-Flagge im Wind wehen sehen (für manche wäre das sicherlich ein patriotischer Moment gewesen) und ich habe die Aussichtsstelle erreicht. Mit GRANDIOSEM Blick über das Hudson Valley. Grünen, satten Wäldern, eine unglaublichen Stille, die lediglich von dem Zug unterbrochen wurde, der sich entlang des Flusses bewegt. Es war wie in einem der romantischen, amerikanischen Landschaftsgemälde, die ich mit meinen Tutoriumsteilnehmer*innen analysiert habe. So dreckig und verschwitzt, am Ende meiner Kräfte ich war, so magisch war dieser Moment trotzdem für mich.

Glückliche Katharina

Spätestens als ich im Zelt der Rangers am Parkausgang angekommen war, habe ich urplötzlich die totale Erschöpfung gespürt und ich wurde eingeladen, in einem gemütlichen Klappstuhl Platz zu nehmen. Ein Ranger hat mir ein Wasser mit Nahrungsergänzungsmittel gemischt, anscheinend war ich total dehydriert. Als er mit mir über Wagner und Schubert diskutieren wollte (sein Lebenstraum: „Lieder schreiben“), konnte ich kaum darauf eingehen, so fertig war ich mit der Welt. Aber ich war ziemlich stolz, dass ich den Berg erklommen und nicht aufgegeben hatte. Nach all den Wochen im Büro, in Kunstmuseen, in Restaurants und Shopping Malls, hat es gut getan, den eigenen Körper zu spüren. Die Natur hat mich durchatmen lassen, ich konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ich war verwundert über die Gedanken, die auf einmal in meinem Kopf aufgeploppt sind, ich wusste gar nicht, dass sie noch irgendwo unverarbeitet in mir darauf gewartet haben, gedacht zu werden. Jetzt bin ich wieder ganz bei mir.

Habt eine gute Woche.

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